https://www.faz.net/-gqz-7w9ew

Gurlitts Erben : Raus aus der Schmuddelecke

Erbe als Bürde: Die Familie von Cornelius Gurlitt will einen klaren Kurs fahren Bild: dpa

Die Familie Gurlitt wehrt sich gegen Unterstellungen. Raubkunst will sie bedingungslos zurückgeben. Was geschieht nun mit dem Vermächtnis des verstorbenen Kunstsammlers?

          Sollte die Familie des verstorbenen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt seine Sammlung erben, würden sämtliche Bilder der Sammlung und alle Geschäftsunterlagen von Hildebrand Gurlitt im Internet veröffentlicht: „Die Familie spricht sich für eine sofortige und bedingungslose Rückgabe von Raubkunst aus der Sammlung Cornelius Gurlitt im Einklang mit der Washingtoner Erklärung aus.“ Dies sind die Hauptpunkte einer Erklärung, mit der Mitglieder der Familie Gurlitt am Mittwoch an die Öffentlichkeit getreten sind.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dem Vernehmen nach ist die Familie sehr betroffen über das, was ihr in Berichten unterstellt werde: dass sie sich über die Belange der rechtmäßigen Eigentümer der Raubkunst-Werke hinwegsetzen würden, sollte nicht das Kunstmuseum Bern, sondern die gesetzlichen Erben die Sammlung zugesprochen bekommen. Am 26.November will der Stiftungsrat des Museums entscheiden, ob das Kunstmuseum die Sammlung annehmen will. Sollte Bern das Erbe ausschlagen, fällt die Sammlung den rechtmäßigen Erben innerhalb der Familie Gurlitt zu. Uta Werner, eine Cousine des verstorbenen Cornelius Gurlitt, sowie weitere Familienmitglieder werden von dem Münchner Rechtsanwalt Wolfgang Seybold vertreten.

          „Größtmögliche Professionalität“

          „Sie wehren sich dagegen, in die Schmuddelecke gestellt zu werden“, sagte Seybold dieser Zeitung. Der Verantwortung, die mit dem Erbe einhergehe, würden sie sich in jeder Hinsicht stellen. Manche Familienmitglieder hätten selbst unter der Herrschaft der Nationalsozialisten gelitten. So sei die Mutter von Uta Werner nach den NS-Rassengesetzen „Volljüdin“ gewesen. Sie war die Ehefrau des Musikhistorikers Willibald Gurlitt. Dieser wiederum war der Bruder des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der somit der Onkel von Uta Werner war. Die Familienmitglieder, die Seybold vertritt, haben sich auf wesentliche Punkte geeinigt: Eindeutig identifizierte Raubkunst werde „unverzüglich und ohne Gegenleistung“ den einstigen Eigentümern oder deren Erben zurückgegeben.

          Seit rund einem Jahr überprüft die Taskforce Schwabinger Kunstfund die Herkunft der einzelnen Werke. Die Familie Gurlitt, so heißt es in der Erklärung, werde auch im Erbfall anstreben, mit der Taskforce weiter zusammenzuarbeiten, da man deren Arbeit anerkenne. Die Familie garantiere, dass die Provenienzforschung mit „größtmöglicher Professionalität“ fortgesetzt werde.

          Das Vermächtnis wird nicht angefochten

          Darüber hinaus solle auch der Salzburger Bestand der Bilder untersucht werden. Zudem wünsche die Familie, dass „die Sammlung der Klassischen Moderne, die Hildebrand Gurlitt aus der Aktion ,Entartete Kunst‘ gerettet hat, zusammen bleibt und dauerhaft in einem deutschen Museum ausgestellt wird“. Das Kunstmuseum Bern plant hingegen offenbar, die Bilder wiederum jenen Museen als Dauerleihgaben anzubieten, aus denen sie von den Nationalsozialisten entfernt wurden.

          Cornelius Gurlitt hatte seine Sammlung in seinem Testament vom 9.Januar 2014 dem Kunstmuseum Bern vermacht. Zu diesem Zeitpunkt stand er unter amtlicher Betreuung. „Die Familie verfolgt jedoch keine Anfechtung des Testaments“, sagt Wolfgang Seybold. Allerdings sei es zu hinterfragen, ob er in der Lage gewesen sei, das Testament zu verfassen. Nach Auskunft des Gerichts hat bisher jedoch niemand den Einwand vorgebracht, dass Cornelius Gurlitt testierunfähig gewesen sei.

          Weitere Themen

          In einem geteilten Land

          FAZ Plus Artikel: Akademie-Tagung in Belfast : In einem geteilten Land

          Wie wird das enden? An der inneririschen Grenze droht mit dem Brexit das Wiederaufflammen nationalistischer Konflikte. Auf einer Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Belfast ist die Sorge darüber zentrales Thema.

          Was macht die Flocke, wenn es taut?

          Kalifornien-Roman : Was macht die Flocke, wenn es taut?

          Von dunklem Blau ins tiefste Schwarz: Jan Wilms „Winterjahrbuch“ ist ein zitatreicher Monolog über den Schnee – und den Autor selbst. Bei dieser Lektüre sollte man wissen, worauf man sich einlässt.

          Topmeldungen

          Plan für Klimaneutralität : Die Stunde der Klimaretter

          Am Freitag will die Regierung den Plan für ein klimaneutrales Deutschland beschließen. Was kommt da auf uns zu? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

          Geringer Inflationsdruck : Amerikanische Notenbank senkt Leitzins abermals

          Wegen der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten hat die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Die Notenbanker fassten den Beschluss jedoch nicht einstimmig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.