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Gurlitt-Taskforce Kunstfund : Recherche folgt

  • -Aktualisiert am

Im Berliner Büro der Taskforce: Kopie einer Renaissance-Tafel von Bartholomäus Spranger. Bild: dpa

Gut neunhundert Werke aus der Gurlitt-Villa stehen unter Raubkunstverdacht. Die Taskforce klärte nun die Herkunft – bei ganzen 13 Werken.

          Der Berg hat keine Maus geboren. Das wäre auch kein vorzeigbares Ergebnis gewesen für die „Taskforce Schwabinger Kunstfund“, die gestern in Berlin die Ergebnisse ihrer zweijährigen Recherchen über die Herkunft der Kunstwerke aus dem Besitz des Münchner Kunsthändlersohns und -erbens Cornelius Gurlitt bekanntgab.

          Zur Erinnerung: In Gurlitts Schwabinger Wohnung hatte die Staatsanwaltschaft 1224 Bilder und Skulpturen beschlagnahmt, dazu kamen noch achtunddreißig aus seinem Nachlass und dem Besitz seiner Schwester. In Gurlitts Salzburger Villa wiederum fand man 239 „Objekte“, darunter gut fünfzig, die keine Kunst, sondern Nippes und andere „industrielle Massenware“ waren. Macht summa summarum fünfzehnhundert – und, wenn man den Nippes und jene 507 Fälle ausklammert, bei denen ein „NS-verfolgungsbedingter Entzug“, also Raubkunstverdacht, von vornherein ausgeschlossen werden konnte, immer noch gut neunhundert Werke.

          Der Taskforce fehlte die Zeit

          Bei wie vielen davon hat die fünfzehnköpfige, international besetzte, mit knapp zwei Millionen Euro Budget ausgestattete Taskforce die Provenienz nun zweifelsfrei geklärt? Bei dreizehn. Fünf davon, ein Matisse, ein Menzel, ein Spitzweg und ein Liebermann aus München sowie ein Pissarro aus Salzburg, sind eindeutig Raubkunst, sechs Bilder sind es auf keinen Fall, bei zwei weiteren besteht ein „starker Verdacht“, wie es im Abschlussbericht der Taskforce heißt, den die Leiterin, die Juristin und Ministerialdirektorin a.D. Ingeborg Berggreen-Merkel, mit dem Pathos einer Nebenberufstragödin vorstellte.

          Alles andere sind Vermutungen: „Werkidentitäten“, die erst noch gesichert werden müssen; „Provenienzhinweise“, mal stark, mal gering, mal nicht vorhanden, die „sehr konkret“ oder auch gar nicht auf Kunstraub durch die Nazis und ihre Helfer, darunter Hildebrand Gurlitt, den Vater von Cornelius, hindeuten. Bei gut zweihundertfünfzig Werken sind schlicht „weitere Recherchen erforderlich“ – mit anderen Worten: Der Taskforce fehlte die Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen. Das ist, politisch gesehen, ein Erfolg: Der Bund hat gezeigt, dass er es mit der Provenienzforschung ernst meint, dass er die Schuld des Nationalsozialismus auch in diesem Punkt abtragen will, und nun überweist er das Thema an das neu gegründete Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg weiter, das die Suche nach Raubkunst und ihren rechtmäßigen Besitzern koordinieren soll.

          Nur den deutschen und internationalen Experten, die unter Frau Berggreen-Merkels Leitung die Sammlung Gurlitt begutachtet haben, scheint das nicht zu genügen. Jedenfalls will sich, wie bei der Vorstellung des Taskforce-Berichts zu hören war, die Mehrzahl von ihnen im Juli zu einem Symposium in München treffen, um ihre Arbeit fortzusetzen – ohne den Segen des Bundes, ohne Budget aus dem Hause Grütters. Der Berg hat also nicht gekreißt, er hat sich geteilt. Statt eines einzigen Gremiums werden wieder viele Gruppen, Zirkel, Verbände am gleichen Thema forschen. Und die Politik hat die Chance versäumt, all diesen Kräften eine dauerhafte Form zu geben, heiße sie nun „Taskforce“ oder wie auch immer.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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