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Günter Wallraff : „In diesen Akten erkenne ich mich nicht wieder“

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Erkennt sich nicht wieder: Günter Wallraff Bild: dpa/dpaweb

„Diese Karteikärtchen und diese Akten versuchen sich jetzt des Menschen zu bemächtigen“: Günter Wallraff verteidigt sich im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gegen die neuen Stasi-Vorwürfe.

          „Diese Karteikärtchen und diese Akten versuchen sich jetzt des Menschen zu bemächtigen“: Günter Wallraff verteidigt sich im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gegen die neuen Stasi-Vorwürfe.

          Die neuen Vorwürfe gegen Sie sind eindeutig: Sie wurden von der Stasi als "Inoffizieller Mitarbeiter mit Arbeitsakte" geführt.

          Das ist nichts Neues. Seit 1989 kommt das in einem neunseitigen Papier vor. Die Akte wurde geführt, aber nicht ich wurde geführt. Und ein Führungsoffizier kann einer Akte Gewalt antun. Mir konnte er keine Gewalt antun. Ich bin nicht zu steuern, bin nicht fremdbestimmt. Jeder, der mich kennt, weiß, wie individualistisch ich bin. Ich habe mich nie einer Ideologie oder einem Dogma verschrieben. Zwischen 1968 und 1971 hatte ich Archive der DDR genutzt, es ging hauptsächlich um NS-Täter. Und jetzt kommen plötzlich Karteikärtchen und Akteneintragungen, die nichts mit mir zu tun haben und in denen ich mich nicht wiedererkenne. Das heißt, diese Karteikärtchen und diese Akten versuchen sich jetzt des Menschen zu bemächtigen. Aber ich kenne mich besser, und die, die mich kennen, wissen auch, daß das nichts mit mir zu tun hat.

          Sie werden als "A-Quelle" bezeichnet, und das heißt als jemand, der andere Personen abgeschöpft hat.

          Das ist absoluter Schwachsinn. In den neun Seiten steht zum Beispiel eindeutig drin, und das ist das Fleisch und sind nicht die Knochensplitter, an denen jetzt alle nagen: Über Wallraff waren keinerlei Personenhinweise zu erlangen. Was heißt "A-Quelle"? Ich habe mich in der Gauck-Behörde erkundigt, und dort sagte man mir, "A-Quelle" heißt Abschöpfungsquelle, also ich wurde abgeschöpft. Aber gut, das ist eine Interpretation. Da sind Leute, die sich besser auskennen, mit befaßt.

          Aber jetzt ist Marianne Birthler - anders noch als vor drei Wochen - vor die Kamera getreten und hat gesagt, die frühere Feststellung, es gebe keine hinreichenden Hinweise auf eine IM-Tätigkeit von Ihnen könne "nicht aufrechterhalten werden".

          In ihrem Haus gibt es mindestens zwei Ansichten, was die Bewertung gerade meiner Akte betrifft. Man hat es sich dort nicht leicht gemacht, sondern zwei Wochen darüber debattiert. Ich respektiere Frau Birthler, und die Behörde ist für mich ganz wichtig. Hätten wir das über das Dritte Reich gehabt, hätte ich mich nicht in DDR-Archiven umsehen müssen. Frau Birthler selber mußte das wohl relativieren, da sie in Akteneinschätzungen von DDR-Bürgern sehr strenge Maßstäbe angelegt hat und Vorwürfe laut wurden, daß in meinem Falle zu milde Auslegungen Oberhand gewonnen hätten. Sie hat aber nicht gesagt, "Wallraff war aktiver IM", sondern sie hat gesagt, "Wallraff wurde als IM geführt". Und das ist ein gewaltiger Unterschied.

          In der elektronischen Datenbank der Stasi ("Sira") liegen sechs Informationsstichworte zu "IM Wagner".

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