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Günter Grass und die SPD : Hannelore Kraft ist das verjüngte Abbild der Kanzlerin

Unter Freunden: Hannelore Kraft und Günter Grass in Berlin. Bild: picture alliance / SuccoMedia /

Das Buch heißt „Was würde Bebel dazu sagen?“ In Berlin wurde es vom SPD-Mentor Günter Grass jetzt vorgestellt. Aus Düsseldorf war dazu Hannelore Kraft gekommen, um sich als bessere Frau Merkel zu zeigen.

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          Aus moralischer Sicht spricht nichts dagegen, dass Freunde Freunden helfen. Günter Grass, ein eminenter Freund der Sozialdemokratie, hat deshalb vor drei Jahren die August-Bebel-Stiftung gegründet, um in Erinnerung an den legendären Vorsitzenden der SPD dessen heutigen Nachfolgern geistig unter die Arme zu greifen. Die Haupttätigkeit der Stiftung besteht in der zweijährlichen Vergabe des mit zehntausend Euro dotierten August-Bebel-Preises, den 2011 der Soziologe Oskar Negt und in diesem Jahr der Autor und Reporter Günter Wallraff empfingen. Die Sammelbände mit den Reden, die bei den Verleihungen gehalten werden, erscheinen gewöhnlich im Göttinger Steidl Verlag, und bei Steidl ist jetzt auch der von Manfred Bissinger und Wolfgang Thierse - beide sitzen im Vorstand der Bebel-Stiftung - herausgegebene Band „Was würde Bebel dazu sagen?“ erschienen, der zum hundertsten Todestag Bebels sechsunddreißig Aufsätze „Zur aktuellen Lage der Sozialdemokratie“ (Untertitel) versammelt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aus moralischer Sicht, wie gesagt, ist gegen solche geschlossenen publizistischen Kreisläufe wenig zu sagen. Nur aus ästhetischer Perspektive wünschte man sich gelegentlich eine gewisse Auffrischung bei den Namen, Gesichtern und Thesen, die für sozialdemokratisches Denken stehen sollen - sei es, um jener Beklommenheit vorzubeugen, die sich beim Kontakt mit parteipolitischen Hardcovern fast automatisch einstellt, sei es auch nur, weil man sich selbst von der SPD manchmal noch ganz gern überraschen lässt. Aber ausgerechnet von Günter Grass, der ein dreißigseitiges Interview mit Manfred Bissinger zu dem Band beigesteuert hat, derartige Überraschungen zu erwarten, ist vielleicht doch ein wenig zu viel verlangt. Es war aber dann dennoch eine unverhofft erfrischende Erfahrung, der Buchvorstellung des Bebel-Bands im Polit-Lokal „Ständige Vertretung“ am Berliner Schiffbauerdamm beizuwohnen. Nicht, weil ein reichlich abgekämpft wirkender Günter Grass, der seine gewohnte Lust am Verteilen historisch-politischer Zensuren bereits in dem Bissinger-Interview aufgebraucht zu haben schien, sich wieder einmal vor den Karren der SPD-Pressestelle spannen ließ (sein schärfster Verweis ging an die Moderatoren des Kanzlerduells, die „vor lauter Routine nicht mehr laufen“ könnten). Sondern weil Hannelore Kraft aus Düsseldorf gekommen war, um eine Einführung in das Bebel-Buch zu halten.

          Es war nicht einmal das, was Kraft sagte (etwa, dass die SPD eine „Kümmerer-Partei“ sein müsse), das diese Mittagsstunde in der „Ständigen Vertretung“ denkwürdig machte. Nein, es war der Moment, als schräg hinter ihr, auf einem Fernsehbildschirm, auf dem noch die Analysen des Rededuells vom Vorabend liefen, für Augenblicke das Bild Angela Merkels erschien. Da sah man, dass Hannelore Kraft in Frisur und Figur, ja fast auch in der Körperhaltung das genaue, nur verjüngte Abbild der Regierungschefin ist. Und mit einem Mal war klar, warum Kraft in vier Jahren die Kanzlerkandidatin ihrer Partei sein wird. Es geht nämlich gar nicht so sehr darum, jenen Politikwechsel zu schaffen, der im parlamentarischen und föderalen Getriebe dann doch wieder zu einem Wechselchen zerrieben wird. Es geht darum, die Frau an der Spitze zu ersetzen. Durch eine andere Frau gleichen Typs. Deutschland, das mächtige, satte, wiedervereinigte, klammert sich im Kanzleramt ans Matriarchat, um in Europa nicht das Alphamännchen spielen zu müssen. Das ist die wahre Frauenfrage dieser Tage. Der Rest ist Quote.

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