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Günter Grass : Handwerk hat doppelten Boden

Gezeichnet: Günter Grass Bild: F.A.Z. - Helmut Fricke

Ein Kunstwerk und Sammlerstück, in denkbar hoher Auflage, gleichwohl limitiert: Für die Samstagsausgabe der F.A.Z. hat Günter Grass an einer Extrabeilage zu seinem neuen Buch mitgearbeitet. Ein Werkstattbericht.

          Von Anfang an war klar: Wenn Günter Grass seine Erinnerungen schreibt, ist das ein Ereignis. Deshalb haben wir den Nobelpreisträger schon früh darum gebeten, er möge diese Erinnerungen zu einem Ereignis in der Zeitung machen, einem künstlerischen Ereignis - indem er selbst mit Hand anlegt. Was für ein Ereignis das Buch werden würde, das hat er nicht geahnt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Samstagsausgabe dieser Zeitung liegt eine Extrabeilage bei, im Tiefdruckverfahren hergestellt, ein Kunstwerk und Sammlerstück, in denkbar hoher Auflage, gleichwohl limitiert. Die Beilage enthält Auszüge aus „Beim Häuten der Zwiebel“, begleitet von Fotodokumenten und Grassschen Rötelzeichnungen, die während der dreijährigen Arbeit am Buch entstanden sind: Zwiebeln, geschält und ungeschält, unversehrt oder aufgeschnitten, frisch, vertrocknend und verschrumpelt. Kein Toten-, sondern ein Zwiebeltanz, ein Vanitas-Motiv, das Erinnern und Vergehen gleichermaßen beschwören soll.

          Die vielleicht größte Herausforderung

          Womöglich ist keine Herausforderung größer gewesen, vielleicht hat sich keines seiner früheren Bücher, von der „Blechtrommel“ über „Butt“ und „Rättin“ bis zu „Mein Jahrhundert“ und der den Weg bereitenden Novelle „Im Krebsgang“, für den Autor als schwieriger, heikler und widerspenstiger erwiesen als dieses Buch der Erinnerungen und Reflexionen. Der Schriftsteller, der auch Zeichner und Bildhauer ist, hat während der Vorbereitung der Beilage nicht nur an der Auswahl der Textpassagen mitgewirkt, sondern auch Entwürfe geprüft und Probedrucke begutachtet, Fotodokumente und die eigenen Rötelzeichnungen mit ausgewählt. Die Aufnahmen in der Beilage, die Grass und seine Frau Ute in Madrid zeigen, beim Zeichnen, bei der Arbeit am Manuskript und beim gemeinsamen Korrekturlesen, stammen von dem Fotografen Hans Grunert, dem Stiefsohn von Günter Grass.

          Als wir uns im April dieses Jahres im Haus seines Göttinger Verlags zu einer ersten Arbeitssitzung trafen, kamen wir rasch überein, daß die Schilderung der Kriegserlebnisse einschließlich des Berichts über die Waffen-SS ihren Platz in der Beilage finden müsse. Immer wieder hat Grass seitdem betont, daß ihm die Nachkriegsjahre, die ersten politischen Erfahrungen als Arbeiter im Kalibergbau, als Steinmetzlehrling und als Student der Kunsthochschule kaum weniger wichtig sind als jene Ereignisse, die ihn, wie er schreibt, das Fürchten lehrten. Aber einer Textcollage, die möglichst viele Aspekte des Buches anschaulich machen sollte, stand er zunächst mehr als skeptisch gegenüber; ein geschlossener Auszug schien ihm sinnvoller. Erst als wir im Juli in seinem Lübecker Büro im Grass-Haus die genauen Textpassagen bestimmten, war er überzeugt und zufrieden, daß so vieles von der Danziger Kindheit über die Kriegserlebnisse bis zu den Pariser Jahren in der Beilage Erwähnung finden sollte.

          Handwerksmeister alter Schule

          Von den wenigen Originaldokumenten, die ihm geblieben waren, hatte der Schriftsteller einige zu unserer Lübecker Arbeitssitzung mitgebracht, seinen Flüchtlingsausweis etwa oder den Studentenausweis der Berliner Kunsthochschule. Bei der Prüfung unserer Entwürfe, wenn er sich über den großen, mit Zeichnungen, Fotos und Dokumenten übersäten Tisch beugte, agierte Grass wie ein Handwerksmeister alter Schule: ebensosehr Perfektionist wie Pragmatiker, das Nötige erkennend, nie das Machbare aus den Augen verlierend.

          Das Machbare und das Nötige, das muß über lange Jahre ein für Grass unüberwindlicher Gegensatz gewesen sein. Was zu sagen nötig war, blieb ungesagt. Was immer aus heutiger Sicht als passende Gelegenheit erscheinen mag, blieb ungenutzt. Der Einsatz als Soldat ist in allen Lebensläufen und Biographien enthalten. Aber den Truppenteil, den fatalen Doppelbuchstaben der Waffen-SS, hat Grass nie genannt. Davon war er im Gespräch fest überzeugt: Außer mit seiner Frau Ute habe er mit niemandem darüber gesprochen.

          Als Robert Schindel jetzt berichtete, Grass habe 1990 im kleinen Kollegenkreis über seine Zeit bei der Waffen-SS gesprochen, zeigte sich der Nobelpreisträger erstaunt: „Das hatte ich tatsächlich völlig vergessen.“ Ein lebenslang gehütetes Geheimnis wird preisgegeben, und die Preisgabe wird ebenso verdrängt, vergraben und verschüttet wie das Geheimnis selbst. Aber nicht zuletzt davon, von den quecksilbrigen Wechselspielen von Erinnern und Vergessen, Verdrängen und Bewahren, Verteufeln und Verklären, handelt dieses Buch.

          Aus Anlaß des Erscheinens der Autobiographie von Günter Grass veranstaltet diese Zeitung eine Lesung mit dem Autor. Günter Grass wird am 5. September um 19 Uhr in der Oper Frankfurt aus seinem Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ lesen. Frank Schirrmacher, Herausgeber des Feuilletons dieser Zeitung, wird den Abend moderieren. Karten für die Veranstaltung sind bei der Oper Frankfurt (www.oper-frankfurt.de) sowie an allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich.

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