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Grundkurs in Soziobiologie (1) : Blut ist dicker als Wasser

  • -Aktualisiert am

Charles Darwins „survival of the fittest” führt zu egoistischer Kälte Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wie kann es sein, daß Lebewesen überhaupt kooperative Sozialverbände eingehen? Charles Darwin hatte doch gelehrt, daß den „struggle for life“ nur jene Individuen erfolgreich bestehen, die sich unsentimental und eigeninteressiert durchs Leben kämpfen.

          Die grundlegende Frage jeglicher soziobiologischer Beschäftigung mit gesellschaftlichen Phänomenen ist gerade heraus, unkompliziert und schnell formuliert: Wie kann es sein, daß Lebewesen - der Mensch eingeschlossen - überhaupt kooperative Sozialverbände herausbilden? Hatte nicht Charles Darwin gelehrt, daß den „struggle for life“ nur jene Individuen erfolgreich bestehen, die sich ganz unsentimental eigeninteressiert durchs Leben kämpfen?

          Führt das naturgesetzliche „survival of the fittest“ nicht ganz zwangsläufig zu egoistischer Kälte, die von vornherein nur ein Erfolgsmodell der Evolution zulassen kann, nämlich den rücksichtslosen persönlichen Nutzenmaximierer, der blind für die Belange von anderen nur seine ureigensten persönlichen Vorteile im Blick hat? Offensichtlich nicht, denn trotz aller Egoismen, die man allenthalben beobachten kann, kennen menschliche Gesellschaften, und zwar in allen ihren vielfältigen Spielarten, von der wildbeuterischen Subsistenzgruppe bis zur anonymen postindustriellen Großgesellschaft, jene Verhaltensweisen, die es in einer naiven Interpretation der Evolution eigentlich gar nicht geben dürfte: Barmherzigkeit, Großmut, Fürsorglichkeit, Solidarität und viele andere sozial bindende menschliche Neigungen.

          „Blut-und-Klauen“-Egoismus

          Nun könnte man geneigt sein, daraus den Schluß zu ziehen, daß Darwin und seine Apologeten uns nichts zu sagen haben, was ein Verständnis der Conditio humana vermehren könnte. Der Mensch als „erster Freigelassener der Schöpfung“, wie Herder es ausdrückte, habe sich ganz offensichtlich in weiten Bereichen seines Lebensvollzugs von natürlicher Determination befreit. Der „Blut-und-Klauen“-Egoismus der subhumanen Tierwelt konnte

          Unser zweites Gesicht

          in einem langen Zivilisationsprozeß wenn schon nicht vollständig überwunden, so doch aber halbwegs verträglich kulturell gezähmt werden.

          Purer genetischer Eigennutz

          Eine solche Sichtweise ist allerdings aus zwei Gründen nicht befriedigend. Erstens ist theoretisch überhaupt nicht klar, wie das biologische Evolutionsgeschehen sich selbst gleichsam ausgetrickst haben könnte und Lebewesen zulässt, für die der biologische Imperativ nicht mehr gelten soll. Nein, der Naturgesetzlichkeit der natürlichen Selektion ist nicht zu entkommen, auch für Homo sapiens nicht. Aber auch aus empirischen Gründen ist die Annahme, daß menschliche Uneigennützigkeit als Beleg gegen die Geltung der Evolutionstheorie für den Menschen spreche, nicht plausibel, denn die Phänomene, von denen wir reden und um deren evolutionskonforme Erklärung wir ringen - fassen wir sie als „Altruismus“ zusammen -, sind beileibe keine rein menschliche Angelegenheit. Wie jenes Murmeltier, das zwar durch einen Warnruf seinen Artgenossen rettet, aber genau deshalb eher selbst zum Opfer des Adlers wird. Warum bleibt es nicht einfach stumm?

          Auch dieser Altruismus muß sich in Darwins große Welterklärung einfügen. Und er tut es auch. Das pfeifende Murmeltier rettet nämlich durch seinen Warnruf das Leben seiner Nachkommen und anderen Verwandten. Deshalb kann sich ein solch uneigennütziges Verhalten evolutionär durchsetzen, und zwar auf Grund einer einfachen, aber für die soziale Evolution überaus folgenreichen Tatsache. Die Verwandten dieses Murmeltieres haben mit statistisch bestimmbarer Wahrscheinlichkeit Kopien derselben Gene wie der Warnrufer selbst. Was sich also auf der Ebene des Verhaltens als altruistisch darstellt, entpuppt sich zugleich als purer genetischer Eigennutz: Wenn schon nicht die eigenen Gene Vorteile davon tragen, dann doch aber deren Kopien in den Körpern der genetischen Verwandtschaft.

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