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Grundkurs für Staatsbürger : Dreißig Jahre nach zwölf

  • -Aktualisiert am

Reaktionszeit und Bremsweg: Szene aus „Der Siebte Sinn” Bild: picture-alliance / dpa

Handeln Sie bitte vorsichtig! Davon hat man in der Bundesregierung offenbar noch nie etwas gehört. Ein „Grundkurs Demographie“ - der „Siebte Sinn“ für die alternde Gesellschaft - erklärt, wie wir die Zukunft verspielt haben.

          Flaschenpost für die Nachgeborenen, anbei drei Beispiele eines Wochenendes, Februar 2005.

          Erstens: Ein Außenminister, der offenbar ernsthaft glaubt, die Folgen eines Beitritts eines Staates wie der Türkei in die Europäische Union für das Jahr 2015 beurteilen zu können, und schon an der Visa-Vergabe für Ukrainer scheitert. Wie will er eigentlich die Verantwortung dafür übernehmen, angesichts eines Landes, das selbst unter der Annahme abnehmender Geburtenzahlen bis zur Jahrhundertmitte von jetzt 67 auf dann 98 Millionen gewachsen sein wird?

          Zweitens: Ein Schuldirektor in Kreuzberg, in dessen Schule nur noch fünf deutsche Muttersprachler sind und der nun deutschen Eltern dringend abrät, ihre Kinder überhaupt dort anzumelden.

          Drittens: Der Demograph, der voraussagt, daß in den Ballungsräumen bald über die Hälfte der jungen Erwachsenen keine Deutschen mehr sein werden.

          Primärtugenden mit Fernsehsendung

          Alexander Kluge könnte die drei Wochenend-Beispiele in einem Film schneiden und dann bei Sat.1 zu später Stunde senden. Aufgemacht werden müßte das wie der "7.Sinn", die WDR-Sendung für Verkehrsteilnehmer. Gott, hat man uns das eingebleut: Reaktionszeit, Bremsweg, Anhalteweg! Fahren Sie vorausschauend! Seien Sie umsichtig! Bleibt nüchtern! Eine Sekunde nicht aufgepaßt, kann zum Crash führen.

          Seit unseren Kinderjahren, ehe unsereiner überhaupt an Führerschein und Straßenverkehr dachte, ging es um den "7. Sinn" und die dazugehörige Stimme des Sprechers Egon Hoegen: "Ganz wichtig: Halten Sie Tempobeschränkungen ein, denn der Anhalteweg, der neben dem Bremsweg auch die Reaktionszeit des Fahrers berücksichtigt, erhöht sich überproportional zur Geschwindigkeit." Wer in hundert Jahren die Sozialisation der Republik auf den Begriff bringt, wird auf diese Regeln stoßen. Es sind unsere Primärtugenden, die einzigen jedenfalls, denen seit 1966 eine eigene Fernsehsendung gewidmet ist.

          Bremsweg und Reaktionszeit

          Es ist ja eigentlich nicht viel, was da verlangt wurde. Aber heute, irgendwo zwischen den Kilometersteinen 2005 und 2010, haben wir das Gefühl, daß das, was jeder dreijährige Tretrollerfahrer in diesem Land eingeschärft bekommt, für die Lenker des Ganzen nicht galt. Wie denkwürdig wirken angesichts der demographischen Verkehrsverhältnisse in unserem Land jetzt manche Aussagen der WDR-Reihe: "Vorsicht! Kinder sind die schwächsten Verkehrsteilnehmer"; oder: "Besonders in Wohngebieten gilt: Kinder sieht man schlecht". Noch ein paar Kilometer weiter, und man wird sie gar nicht mehr sehen, weil es immer weniger Kinder geben wird.

          "Der wichtigste und schwerwiegendste Irrtum über die Natur der demographischen Veränderungen ist der Glaube", schreibt der Bevölkerungsforscher Herwig Birg, "daß uns ein rascher Wiederanstieg der Geburtenrate auf 1,6 oder 1,8 oder zwei Kinder pro Frau vor dem Schlimmsten bewahren könnte. Aber es ist dreißig Jahre nach Zwölf, heute kann selbst ein Anstieg der Geburtenrate auf die ideale Zahl von zwei Kindern je Frau die Alterung für Jahrzehnte nicht abwenden. Daß es ein demographisches Momentum mit irreversiblen Folgen gibt, ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Demographie. Wenn ein demographischer Prozeß ein Vierteljahrhundert in die falsche Richtung läuft, dauert es ein Dreivierteljahrhundert, um ihn zu stoppen.

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