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Renaissance Isenheimer Altar : Zurück in die Spätgotik

Gleich mehrere Kunstwerke in Film und Malerei zitieren aktuell Matthias Grünewalds Isenheimer Altar. Bild: dpa

Verhaltensauffällige Apokalyptiker: Aktuell zitieren gleich mehrere Kunstwerke in Film und Malerei Matthias Grünewalds Isenheimer Altar. Liegt es daran, dass man dessen Bilder – einmal gesehen – nie wieder vergisst?

          Der Tod steht ihr gut. Ein silbernes Diadem krönt Celestes Haar, oder besser gesagt: ihr Haar selbst bildet die Bekrönung. Die traurig abknickenden Flügel auf beiden Seiten rahmen die Sängerin in einem metallischen Blau und lassen durch die Reflexion ihr Eisköniginnengesicht noch fahler schillern. Natalie Portman mimt im Film „Vox Lux“, lateinisch für „Stimme und Licht“, eine amerikanische Sängerin, die als Jugendliche einen Amoklauf in ihrer Schule knapp überlebt, mit einem Lied darüber zum Star wird, aber ein gebrochener Engel bleibt, weil sie die inneren Dämonen nicht zu überwinden vermag und wiederholt völlig die Beherrschung verliert. Das Dämonische, das in ihr gärt, wird bereits durch das Kostüm eines gefallenen Engels angezeigt.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn ohne dass dies bisher von der Jugend in den sozialen Medien oder in Modemagazinen diskutiert werden würde, identifizieren die meisten älteren Betrachter Portmans extravagantes Kostüm und die zu einem silbernen Haarkamm gegelte Frisur ad hoc als den skurrilsten Engel, den die Kunst überhaupt kennt – Grünewalds musizierenden Himmelsboten vom Isenheimer Altar in Colmar, der sein Streichinstrument mit üppig beringten Fingern gespreizt als Bombastsoundtrack à la Hans Zimmer spielt, Maria mit Kind auf dem Schoß daneben.

          Es ist wahrlich nicht selten, dass sich Hollywood der stärksten Bilder bedient, die die Kunstgeschichte zu bieten hat. Das postapokalyptische Kostüm der Portman im Film könnte aber ebenso von einem deutschen Maler entworfen sein, der wie kein Zweiter in der aktuellen Kunstszene spätgotische Meister wie Grünewald aufgreift: Michael Triegel. Nach einer großen Ausstellung in seiner Heimatstadt Erfurt ist dem fünfzig Jahre alten Maler nun eine erste Retrospektive im befreundeten Ausland gewidmet („Discordia Concors“ im Museum Fundatie, Zwolle; bis 1. September).

          Umstritten und mit leicht gefletschten Zähnen: Michael Triegels Bildnis Papst Benedikts XVI. von 2010

          Todtraurige Reflexion auf höchstem Niveau

          Zugleich gibt es kaum einen Künstler, der die öffentliche Meinung spätestens seit seinem Bildnis Papst Benedikts XVI. von 2010 stärker spalten würde und dem mehr hasserfüllte Ablehnung entgegenschlagen würde. Denn auf nahezu allen Bildern des vorgeblichen Reaktionärs Triegel sind religiöse Motive aus dem Spätmittelalter zu sehen, in derselben altmeisterlichen Lasurtechnik gemalt. Sein bisheriges Hauptwerk ist „Deus absconditus“, „Der verborgene Gott“, eine überragende Studie über die Gottverlassenheit der Moderne auf fast zwei mal drei Metern. Kein Gemälde der vergangenen dreißig Jahre ist näher am Isenheimer Altar als diese todtraurige Reflexion auf höchstem Niveau.

          Verborgener und prinzipiell nicht zu verstehender Gott: Michael Triegel neben seinem Schlüsselwerk „Deus absconditus“ von 2013

          Wesentliche Merkmale der Kreuzigungsdarstellung Grünewalds sind hier aufgegriffen: Der abstrakt-schwarze Hintergrund einer absoluten Verlassenheit in tiefster Nacht, der blutig Gekreuzigte ist bereits von einem Leichentuch verhüllt, das aber auch Christi grundsätzliche Nicht-Erkennbarkeit symbolisiert; zu seinen Füßen liegen gehäutete Tierkadaver als Verweis auf den wie bei Grünewald geschändeten Leib, die Reduktion auf nur drei Protagonisten, die auch noch ausschließlich mit sich beschäftigt und in sich gefangen erscheinen.

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