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Grüne Woche : Die Leber im Käse bitte ganz aus Stammzellen!

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Also mal sehen, was die so machen: In der Kleintierhalle trägt eine kothaufenförmige afrikanische Grabkröte etwelche welke Majestät zur Schau. In großen Käfigen werden Frauen gefangen gehalten. Bei jeder von ihnen sitzt eine Katze. Plötzlich ertönt eine Fanfare. Die Parade der Schäferhundtrainerinnen und ihrer Hunde. Die Hunde zeigen, was sie können: bei Fuß gehen, Pfötchen geben, Sitz, Platz. Das ist wirklich unglaublich, wenn man bedenkt, dass das Leben vor lediglich viereinhalb Milliarden Jahren als primitivste Kohlenstoffverbindung begann.

Der erhabene Schrecken einer Body-Horror-Installation

Weitere lebende Tiere gibt es auf dem Erlebnisbauernhof in Halle 3.2., oder wie es offiziell heißt: „Milchkühe und Ferkel vertreten in Halle 3.2. die landwirtschaftlichen Nutztiere.“ Die Kühe machen ihre Sache so gut es ihnen die Haftbedingungen des offensiv sozialrealistischen Erlebnisbauernhofs gestatten. Sie kauen stoisch zwischen engen Gattern und trauern, denn schräg gegenüber dreht sich einer ihrer Artgenossen huhngleich in einem gigantischen Bräter. Vorm erhabenen Schrecken dieser Body-Horror-Installation kann man sich in die Nüchternheit der Halle 4.2 (Sonderschau für Bioenergie und nachwachsende Rohstoffe) flüchten, wo der Schubwendetrockner mit seinen bunten Metallhänden durch die Kartoffelschlempe streicht und dem Besucher Gelegenheit zur Einkehr und Erbauung bietet.

Zur physischen Kräftigung drängt sich mir der Biomarkt in Halle 6 auf. Ich lasse mir vom Vegetalis-Aussteller einen veganen Leberkäse braten. Man darf hier nicht zu penibel am Original hängen. Lässt man sich aber auf die Textur zwischen Dorschleber und Corned Beef ein, kann man auch deren reizvolle Verbindung mit dem samtig-muffigen Umami-Aroma genießen. Jetzt wird es Zeit für die restlichen 23 Hallen. 90 Prozent der Aussteller zeigen Spezialitäten aus aller Herren Ländern und Bundesländern. Die Spezialitäten wiederum sind zu 90 Prozent Würste.

„Mische ziehen“, das tut die Landjugend hier

Abwechslung bieten die Kojen derjenigen Behörden und Verbände, deren alltägliche Arbeit abstrakt ist und die daher mit dem Problem „wie gestaltet man einen Stand ohne Gegenstand“ ringen. Beim Institut für Risikobewertung hängt ein großer Pfeil mit der Aufschrift: „1 Picogramm = 0,000000000001 Gramm.“ Der Pfeil zeigt auf einen Tisch. Auf dem Tisch klebt eine gezeichnete Lupe, auf der wiederum steht: „Ein Stück Würfelzucker wiegt 3 Gramm. Würde man das Stück Würfelzucker in 3 Billionen gleich große Bruchstücke aufteilen, würde jedes Bruchstück ein Picogramm wiegen.“ So kann man sich lange durch die Welt psychedelisch skulpturierten Wissens klicken und die Zeit vergessen.

Ringsumher ist es inzwischen feierlich geworden. Die Messe gibt sich als eine Ansammlung zwar deplazierter, aber durchaus authentisch genutzter Stadtfeste zu erkennen. Auch ich bestelle im bayerischen Sektor eine Mass. Ein Ritter, Botschafter des Limes, spielt auf dem Cornu eine Hymne, die Mesomedes von Kreta der Göttin Nemesis schrieb. Verzaubert von der antiken Weise und dem Bier, gerate ich in investigative Stimmung. Ich versuche, eine Gruppe von Teenagern zu interviewen, in der die Mädchen Eutern nachempfundene Mützen tragen, die Jungen dagegen leicht dick sind und brüllen. „Wir sind alle von der Landjugend Labenz“, verrät mir einer der Jungen. „Was macht man so als Landjugend?“, frage ich. „Ja, Mische ziehen.“ Im Labenzer Kontext ist „Mische“ nicht wie in meiner Heimat die Kombination von Haschisch und Tabak, sondern die von Cola und Schnaps, und mein Informant hat schon ein paar geladen.

Aber warum besuchen junge Leute aus Labenz die Grüne Woche? „Bei uns fährt das ganze Dorf jedes Jahr hierher. Ich find's hier echt tausendmal, hunderttausendmal geiler als in jeder Disko.“ Partyfolk der Welt, schau auf diese Messe.

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