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Grüne Verkehrspolitik : Mein Lastenfahrrad, ich und der ganze Rest

  • -Aktualisiert am

Lastenfahrrad, hier in Berlin: Beispiel fürs paradoxe Avantgarde-Leben Bild: Caro / Waechter

Die Grünen wollen den Kauf von Lastenrädern subventionieren. Der Schriftsteller Jochen Schmidt hat längst eins – und fährt damit glücklich durch seine Welt.

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          Neulich überholte mich in der 30-Zone ein laut knatterndes Fahrzeug, es war ein alter Bekannter, der aus jedem Jahrzehnt ein West- und ein Ost-Moped gesammelt hat und sich freut, wenn sich die Passanten am Straßenrand Nase und Ohren zuhalten müssen. Er lachte mich frech an, weil er mich zum ersten Mal mit meinem Lastenfahrrad sah, für ihn sicher ein Emblem männlicher Selbst-Domestizierung („Lastenvater“) und Prenzlauer-Berg-Hipstertums.

          Solcher Spott von Männern, die denken, Grillfleisch, Benzinfahne und dominantes Verhalten in der Öffentlichkeit gehöre natürlicherweise zur männlichen Identität, macht mir zum Glück nichts mehr aus. Das Lastenfahrrad (deren Kauf die Grünen jetzt subventionieren wollen) ist für mich eines der Beispiele für das paradoxe Avantgarde-Leben, das meine Familie führt, und das nur für Ahnungslose nach Selbstkasteiung aussieht: Wir transportieren unsere Kinder und unsere Einkäufe in einer Rikscha wie im mittelalterlichen China, wir lassen die Kinder möglichst den ganzen Sommer über barfuß laufen, wie arme Leute es früher mit ihren Kindern taten, weil sie keine Schuhe hatten (wir wollen ihnen lediglich Plattfüße und Einlagen ersparen), wir essen kein Fleisch, wir bauen im Garten Bohnen, Kartoffeln und Salat an („weil’s Spaß macht und schmeckt“, wie es früher über Fanta hieß), wir essen häufig beim Food-Sharing „gerettete“ Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden, weil sie angeblich „abgelaufen“ sind.

          Ich brauche den Platz

          Das hat alles nichts mit grünen Verboten, Genussfeindlichkeit oder „Gürtel-enger-schnallen“ zu tun, ich habe jedenfalls nicht beobachtet, dass Menschen, die nicht so leben, glücklicher auf uns wirken, eher im Gegenteil. Wenn ich mit dem Lastenfahrrad auf der Straße fahre, ärgert das aber manchmal Autofahrer, die zu denken scheinen, mir stünde nur die Breite eines traditionellen Fahrrads zu, obwohl ihre eigenen Fahrzeuge mehr als doppelt so breit und lang sind, ich brauche aber den Platz für meinen Drogerie-Einkauf: 32 Liter Hafermilch, einen 6er-Pack Küchenrolle, Klopapier, Waschmittel, Spülmaschinentabs, Haferflocken, alles ohne Parkplatzsuche direkt aus dem Einkaufswagen ins Rad geschaufelt.

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          Vielleicht schnalle ich mir irgendwann das autogroße, tragbare „Gehzeug“-Gestell um, das der österreichische Verkehrswissenschaftler Hermann Knoflacher 1975 erfunden hat und mit dem die Fußgänger den ihnen zustehenden Raum auf der Straße reklamieren sollten. Nach Jahren von Konfrontation und Selbstbehauptung reagiere ich inzwischen auf Beschimpfungen durch andere Verkehrsteilnehmer mit programmatischer Freundlichkeit, nach einem Motto, das ich neulich in einem Gedicht des ansonsten ziemlich hurrapatriotischen Lyrikers Friedrich Rückert las: „Und wenn ein Freund dich kränkt, verzeih’s ihm und versteh: es ist ihm selbst nicht wohl, sonst tät’ er dir nicht weh.“

          Abgewählte Staus?

          Seltsamerweise sitzen Autofahrer ja meist allein in ihrem Auto, es ist, als würde ich freiwillig mit einem Vier-Sitz-Tandem durch die Gegend fahren. Kein Wunder, dass es so zu Staus kommt! Am meisten Spaß macht es mir, an solch einem Stau vorbeizufahren, vor allem, wenn die AfD an der Strecke auf Plakaten behauptet: „Diesen Stau kann man auch abwählen!“ Ich grüble dann immer, was damit gemeint sein könnte. Kleinere Autos? Breitere Straßen? Höhere Benzinpreise? Besserer ÖPNV? Zwangszuweisung von zusätzlichen Fahrgästen wie an Dorfausgängen in Kuba? Weniger Menschen in Deutschland? Oder ist „abwählen“ metaphorisch gemeint, und sie wollen damit sagen, dass man aufs Fahrrad umsteigen soll, um am Stau vorbeizurauschen wie ich? Ich hoffe nicht! Denn ich will ja nicht, dass der Stau auf den Radweg verlagert wird, wie es leider schon oft der Fall ist.

          Ich habe sofort bereut, kein Rad mit Motor gekauft zu haben, weil mir die Batterietechnik ökologisch noch nicht geheuer ist: Berge kann man fast vergessen, und Gegenwind ist auch nicht angenehm. Außerdem muss ich oft mehr Kinder von der Schule zurückfahren als ich hingefahren habe, sie springen einfach auf. (Wenn es regnet, werden immerhin sie nicht nass.) Mit unserem Modell kann man außerdem keine scharfen Kurven fahren ohne umzukippen. (Geradeaus kann man allerdings mit drei Rädern gar nicht umkippen, das scheint mir eine Lösung für meine Mobilität im Alter zu sein.) Das Dach-Gestänge, an dem sich die Kinder immer festhalten, ist gebrochen. Die sieben Gänge sind zu wenig, oft will man schneller fahren und kann nicht. Und eines Tages sagte uns ein Nachbar, dass er in unserem Fahrrad auf dem Hof Mäuse gesehen habe, kein Wunder, da die Kinder immer Krümel fallen lassen, wir achten seitdem vor dem Losfahren immer auf Kötel. (Manchmal füttere ich die Mäuse auch selbst, da man mit einem Lastenfahrrad beim Fahren bequem Döner essen kann, das ist mit einem normalen Rad viel schwieriger.)

          Bevor man aber dafür wirbt, die Radwege noch mehr zu verstopfen (Miet-Roller!), sollte man erst einmal dafür sorgen, dass es genug davon gibt, und zwar ausreichend breite und möglichst sichere, in Berlin hat sich da nach vier Jahren Rot-Rot-Grün kaum etwas getan (wofür die Grünen am wenigsten können.) Es ginge natürlich auch billiger und schneller: Tempo 30 in der Stadt einführen, Radwege abschaffen und die Straße für Radverkehr freigeben, so wie es in China vor dreißig Jahren noch war, bevor dort alle ein Auto haben wollten, um damit jetzt im Stau zu stehen.

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