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Ground Zero : Zwei Schwingen aus Glas, Stahl und Luft

  • -Aktualisiert am

Calatravas beflügelter Bahnhof auf Ground Zero Bild: AP

Mit seinem spektakulären Bahnhofsentwurf für Ground Zero verwandelt Santiago Calatrava, der spanische Lyriker des Brücken-, Flughafen- und Bahnhofsbaus, den Nutzbau in ein metaphysisches Erlebnis.

          Nur Weltstars für die Weltstadt! Soll das ihr neues architektonisches Motto sein? Es sieht jedenfalls ganz so aus, als hätte New York sich vorgenommen, auf keinen berühmten Namen mehr zu verzichten, den die große weite Welt der Architektur anzubieten hat. Ein neues Gesellschaftsspiel in den Salons der Kulturazzi könnte die Aufgabe stellen, die wenigen Baumeister zu nennen, die gerade nicht in Sichtweite der Freiheitsstatue beschäftigt sind. Ein Test mit ständig steigendem Schwierigkeitsgrad.

          Umgekehrt ist die Sache viel einfacher: Norman Foster baut prismatisch für den Medienkonzern Hearst und Renzo Piano schwerelos für die New York Times Company, während für Bürgermeister Bloomberg, der ja nebenbei auch noch einen nach ihm benannten Finanznachrichtendienst im Blick behalten muß, Cesar Pelli am Reißbrett steht und Frank Gehry gleich zweimal Kurven drehen und Bauklötze gegeneinander verschieben soll: Manhattan bekommt zwar kein neues Guggenheim Museum von ihm, dafür aber ein gläsernes Segelschiff, das sich der Medienmogul Barry Diller bestellt hat, und im wieder einmal aufstrebenden Stadtteil Brooklyn könnte es bald eine gigantische innerstädtische Stadionanlage im Gehryschen Schiefkubenlook geben.

          Entmaterialisierter Umsteigebahnhof

          Und dann ist da Ground Zero, wo die Planungsaktivitäten sich nicht nur überstürzen, sondern jeden kontemplativen Ansatz mit bisweilen schon beängstigendem Karacho hinwegfegen. Sparen wir uns für heute die Prominentenliste der bereits engagierten oder dem Engagement entgegenfiebernden Baumeister. Reden wir statt dessen bloß vom jüngsten Großereignis, das jetzt Santiago Calatrava der Stadt bescherte. Der spanische Lyriker des Brücken-, Flughafen- und Bahnhofsbaus stellte unter ekstatischen Jubelchören seinen Entwurf für den Zentralknotenpunkt des regionalen Personentransportverkehrs von Downtown Manhattan vor und versprach dabei, einen Nutzbau, wie ihm das so oft zwischen Zürich, Manchester und Milwaukee geglückt ist, in ein metaphysisches Erlebnis zu verwandeln.

          Zwei Vogelschwingen, die sich in eleganter Schwerelosigkeit kreuzen

          Vierzehn U-Bahn-Linien, die Path-Vorortstrecke nach New Jersey, Zubringer für Fähren und künftig wohl auch eine direkte Flughafenverbindung, verknoten sich hier mitten im Krater von Ground Zero. Calatrava schlägt den Knoten nicht durch, er deutet ihn um. Mit zwei Vogelschwingen aus Glas, Stahl und Luft, die sich in eleganter Schwerelosigkeit kreuzen, überhöht und entmaterialisiert er den Umsteigebahnhof, ohne jede strukturelle Vertuschungstaktik. Bis hinab ins einst tiefversenkte Bahnsteigegewirr (F.A.Z. vom 25. November 2003) wird natürliches Licht fallen, und wer aus der lichtdurchfluteten Unterwelt in die Kathedrale der Bahnhofshalle hinaufrollt, wird drinnen und auch draußen auf der Plaza ein öffentliches Forum finden, das unter dem Schutz der mächtigen Flügel die gesamte Stadt zum Verweilen und Verschnaufen einlädt. Möglichst nach dem wirtschaftsfördernden Shoppen, versteht sich.

          Hochemotionaler Modernismus

          In einer exquisiten Präsentation, die Computeranimationen mit seinen vor staunendem Publikum dargebotenen Zeichenkünsten mischte, gab Calatrava auch Einblicke in den Schaffensprozeß, ins "Denken mit der Hand", wie er gleichwohl so schön in Worten formulierte. Ein paar Zeichenstriche genügten ihm, um die Entwicklung des Zwei-Milliarden-Dollar-Projekts vom sich emporschwingenden Vogel, einer Friedenstaube, freigelassen aus Kindeshand, zum ätherischen Spiel der Bögen und Perspektiven zu rekonstruieren. Sein hochemotionaler Modernismus bleibt dabei der Tradition verpflichtet, und das schließt auch die lokale Tradition ein, wie sie etwa unter dem bestirnten Gewölbe der Grand Central Station besonders prachtvoll überlebt. Bloß den augenfälligsten Vorgänger, Eero Saarinens TWA-Terminal am Kennedy-Flughafen, einen nun traurig dahinbröckelnden Betonvogel, vergaß er zu erwähnen.

          Mythenstiftend sollen sich Verbindungskraft und industrieller Heroismus der New Yorker Brücken in einem Bahnhof, der nichts weniger als eine neue Wesenhaftigkeit anstrebt, ebenso spiegeln wie der grüne Treffpunkt und Spielplatz aller städtischen Bevölkerungsschichten, der Central Park.

          Kosmische Berechnungen

          Selbst den Himmel hat Calatrava in seine Sinfonie aus Leichtigkeit, Leben und Hoffnung hineinorchestriert. Denn das Rippendach läßt sich auseinanderfahren, und als wäre dieser kinetische Wow-Effekt nicht sich selbst genug, zieht er Libeskinds "Wedge of Light" mit ins Kalkül, also den Lichtkeil, den die Sonne an jedem 11. September von 8.46 Uhr, dem Aufprall des ersten Flugzeugs, bis 10.28 Uhr, dem Einsturz des zweiten Turmes, metaphorisch modelliert. Zur offensichtlich unbändigen Freude des Masterplaners hat Calatrava im Einklang mit dessen kosmischen Berechnungen die Längsachse des Bahnhofs ausgerichtet.

          Allerdings verzichtet er, bei allem spirituellen Überbau, auf Libeskinds hypertrophe Metaphorik. Calatravas feinnerviges Bauwerk braucht keine Nachhilfestunden in Metaphysik, es hat sie buchstäblich bereits eingebaut. Darum sieht das Design der Gedenkstätte (F.A.Z. vom 16. Januar) neben dem Entwurf des Bahnhofs geradezu hilflos, wenn nicht überflüssig aus. Der Großmeister der Bahnhöfe führt vor, wie Rückblick und Zukunftsglaube, Erinnerung und uramerikanisches Hoffen eine gemeinsame Form finden können, die es in ihrer architektonischen Emphase nicht nötig hat, sich banalen Interpretationsmustern zu unterwerfen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Calatrava mit dem sublimen Bahnhof das eigentliche Mahnmal, einen ins pralle Stadtleben verwobenen Erinnerungsort, bauen wird.

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