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Ground Zero : Das Grundstück

Die Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge wird am 11. September feierlich eingeweiht und einen Tag später für die Öffentlichkeit geöffnet Bild: dapd

Unterm Pflaster von Ground Zero lag einmal der Strand. Und davor das Meer. Die Geschichte des Grundstücks, bevor es ein Massengrab und Mahnmal wurde, muss man sich ein zusammenphantasieren.

          Offiziell ist es Ground Zero. Bis vor zehn Jahren hieß es World Trade Center. Davor Radio Row. Hundert Jahre früher war es bekannt als „The Holy Ground“. Noch früher war da Farmland. Und am Anfang das Meer. Nennen wir es einfach das Grundstück.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es war nicht alles anders in New York in den Tagen und Wochen nach den Terroranschlägen des 11. September 2001. Aber es hatte sich eine ungewohnte Stille über die Stadt gelegt. Sie blieb nicht lange, eine Woche, vielleicht zwei. Doch am Ground Zero war sie Monate später noch einmal zu spüren. Das war am 30. Mai 2002, als die Bergungsarbeiten dort feierlich zu ihrem Ende kamen. Von einer Aussichtsplattform aus konnte man in die Grube schauen, aus der einst die Zwillingstürme emporragten, und einen Blick in den Bauch des Grundstücks werfen, der ihr zentrales Nervensystem preisgab: Knäuel zerrissener, mannsdicker Kabelstränge, rostige Schienen der zerstörten Untergrundbahn, kreisrunde Löcher, wo einst Wasserrohre verliefen, abgebrochene Stahlgestänge, verwitterte Stromleitungen neben Breitbandkabeln. Materialien der Geschichte. Was war früher hier gewesen, vor den Türmen?

          In anderen Städten beantwortet diese Frage ein Blick ins Grundbuch. Hier nicht. Der Boden, auf dem das World Trade Center stand, wurde eigens dafür geschaffen. Was vorher war, wurde enteignet, abgerissen, plattgemacht. Das eine Grundstück waren vorher viele. Die Geschichte von Ground Zero, bevor er ein Massengrab wurde und ein Mahnmal für alle, die hier starben, muss man sich zusammensuchen und ein bisschen auch zusammenphantasieren.

          Je näher man hinschaut, desto dichter wird das historische Gewebe, das dieses Grundstück durchzieht - die Holländer haben ihre Finger im Spiel als Seefahrer und frühe Immobilienhaie, elektronische Geräte spielen eine Rolle, das Verteidigungsministerium, die Rockefellers und die Hafenbehörde. Wir ahnen, dass George Washington 1776 auf der Flucht vor den britischen Soldaten, denen er in Brooklyn unerwartet lange Paroli geboten hatte, mit seinen erschöpften Revolutionären über diesen Grund in Richtung Harlem floh. Die aufgebrachten Iren, die im Bürgerkrieg 1863 gegen das Einberufungsgesetz von Abraham Lincoln protestierten und von dem berüchtigten Slum Five Points aus, der einige Straßenblöcke weiter südlich lag, nach Norden marschierten, müssen über das Grundstück gerannt sein, um zur Ecke Broadway und Chambers Street zu kommen, wo sie einen schwarzen Obsthändler und dessen neunjährigen Sohn massakrierten.

          Manchmal gibt es glückliche Funde auch dort, wo Tausende starben

          Es war der Anfang eines Mordens, an dessen Ende nach drei Tagen mindestens elf Schwarze und dreihundert Männer des Mobs tot waren; manche Quellen sagen, es waren zweitausend, die in jenen Julitagen während der draft riots starben. Und war der Pferdekarren, auf dem am 16. September 1920 eine Ladung TNT-Sprengstoff vor der J.P. Morgan Bank in der Broad Street zur Explosion gebracht wurde - wobei dreißig Menschen den Tod fanden, mehr als dreihundert verletzt wurden und immerhin die Fenster der Bank und Teile ihres Marmorfoyers zerbarsten -, über das Grundstück gerollt, bevor er sein Ziel erreichte? Nach zehn Jahren intensiver Terroristenjagd gaben die Behörden 1930 ihre Suche nach den Attentätern auf. Könnte es sein, dass die Explosion kein Anschlag, sondern ein versehentliches Zünden von Sprengstoff war, der für eine Baustelle gedacht war, etwa dort, wo das Grundstück liegt? Immerhin wurde damals in New York noch geraucht, und TNT war beim Sprengen alter Häuser beliebt.

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