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Großes FAZ.NET-Gespräch mit Gore Vidal : „Washington, wir haben ein Problem“

  • Aktualisiert am

Praeceptor Americae: Gore Vidal Bild: dpa

Wenn es um Amerika geht, dann spart der Schriftsteller Gore Vidal, Vetter Al Gores, nicht mit Kritik. FAZ.NET sprach mit ihm über das Land nach den Wahlen.

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          Gelegenheiten, die herrschenden Verhältnisse in Amerika anzuprangern, lässt der Schriftsteller Gore Vidal ungern aus. Im Dezember letzten Jahres mischte sich Vidal in den Wahlkampf ein. In einem Artikel mit dem Titel „Washington, wir haben ein Problem“, abgedruckt in dem Magazin „Vanity Fair“, empfahl Vidal dem neuen Präsidenten, den Ehrgeiz des Verteidigungsministeriums zu zügeln. George W. Bush, der inzwischen als 43. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird, nahm sich Vidals Empfehlung nicht eben zu Herzen. Seit Tagen wirbt der designierte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bei den Nato-Verbündeten für sein Projekt einer amerikanischen Nationalen Raketenabwehr (NMD). Die linksgerichtete Zeitschrift „The Nation“ warnte vor einem neuen Kalten Krieg. In einem Gespräch mit FAZ.NET erläutert der 75-jährige Schriftsteller, ein Vetter Al Gores (siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3.11.2000), was er von der Ära George W. Bush erwartet.

          Herr Vidal, der neue Präsident heißt George W. Bush. Ihr Cousin mußte sich geschlagen geben. Sind Sie enttäuscht?

          Ich habe ihn nicht offiziell unterstützt. Seine Kampagne war schlecht. Andererseits war Bushs Kampagne genau so schlecht. Das Ergebnis war: Die Leute hatten keine große Wahl. Die Amerikaner haben sich weder für den einen, noch für den anderen Kandidaten interessiert. Denn beide hatten keine Themen. Das wichtigste Thema, über das sie hätten reden müssen, wurde nicht diskutiert: Die Umwandlung der amerikanischen Kriegswirtschaft in eine Friedenswirtschaft. Amerika ist seit fünfzig Jahren eine Garnison. Und obwohl das Pentagon schon 51 Prozent der Haushaltsmittel einkassiert, verlangen die Generäle immer mehr Geld. Sie geraten außer Kontrolle.

          Doch darüber wurde nicht geredet. Statt dessen wurde darüber diskutiert, dass einer mal Marihuana geraucht hat, betrunken am Steuer saß oder nicht in der Lage war, eine Rede abzulesen, obwohl er die Universität besucht hat. Die Amerikaner haben sich lustlos abgewendet. Kein Wunder, dass die Wahlbeteiligung so niedrig war.

          Woran liegt es, dass wichtige Themen im Wahlkampf nicht zur Sprache kamen?

          Große Themen sind nicht erlaubt. Amerika wird seit fünfzig Jahren von Grosskonzernen dominiert, deren Haupteinnahmequelle die Versorgung des Pentagons ist. Das Geld, das wir für Krieg ausgeben, für all die heißen, kalten und lauwarmen Kriege, die wir anzetteln, ist ein Nicht-Thema. Aber es gibt noch andere Themen, über die man hätte reden können: die Bürgerrechte, die Kluft zwischen Arm und Reich, die noch nie so groß war wie heute.

          In meinem Land besitzt ein Prozent alles, zwanzig Prozent geht es sehr gut, weil sie im Kongress und in der „New York Times“ für das eine Prozent arbeiten. Achtzig Prozent der Bevölkerung aber lebt sehr schlecht, auch wenn die Propaganda, die die Deutschen, ganz Europa und auch die Amerikaner mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit schlucken, seit geraumer Zeit das Gegenteil behauptet. Es gibt viel Armut in Amerika. Es gibt, wie Sie wissen, kein öffentliches Gesundheitssystem, es gibt kein Schulsystem, das diesen Namen verdient, und wir werden hoch besteuert. Wir bekommen also nichts von unserem Geld zurück. Die Generäle kassieren alles ein.

          Und die Zeitungen und das Fernsehen, wie haben die sich im Wahlkampf verhalten? Haben die auch die Sachthemen unter den Teppich gekehrt? Das ist doch kaum vorstellbar.

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