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Rembrandts Orient in Potsdam : Westöstliche Divane mit gefährlichen Sprungfedern

Als das Heilige Land und alles östlich davon Morgenland war: In Potsdam verführen Rembrandt und seine Malerkollegen den Betrachter mit ihrer Begeisterung für Orientalisches.

          5 Min.

          Neben den MoMA-haften Schlangen vor der Kölner Warhol-Schau und anderen mindestens für kurze Zeit wieder geöffneten Museen ist die Ausstellung „Rembrandts Orient“ im Potsdamer Museum Barberini mit täglich fast siebenhundert Besuchern der sprechendste Beweis dafür, dass keine digitale Präsentation der Welt die Originale ersetzt. Jedes der teils zentimeterdick pastos aufgebauten Bilder möchte man berühren, in die fremd-bunten Bildwelten eintauchen, die sich Rembrandt und seine Zeitgenossen von dem machten, was sie aus eigener Anschauung meist nicht kannten – Projektionsflächen überbordender Phantasie.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Wobei schon die Entscheidung für einen Favoriten im ersten Raum „Der Orient zu Hause“ schwer fällt: Jan Lievens Selbstbildnis im „Japanse Rok“, einem ebenso topmodischen wie sündteuren Morgenlandmorgenmantel aus reiner Seide, oder das monumentale Plakatmotiv, Dirck van Loonens „Assueer Jacob Schimmelpenninck van der Oije mit Diener und Hund“, das den adeligen Palästina-Pilger mit Souvenir-Krummsäbel und ebenso kostbarem Seidenkaftan mit grün-weiß-rot-weiß-orangen Streifen und leuchtend roten Turban wie auch „orientalischem“ Diener porträtierte? Das Problembild Schimmelpennincks hat man in Potsdam offen und ehrlich auf die Hauptwand des ersten Kapitels der mit 119 Bildern prunkenden Schau gehängt, da es alle dekolonialen Anklagepunkte beinhaltet: Er war zu großem Reichtum gelangt, ohne sich um die Realien von dessen Erzeugung zu kümmern („Kolonialismus“), und brachte von der einjährigen Levante-Reise viele Stücke mit („Raubkunst“). Mit dem wohl türkischen Diener hinter ihm sind die Konfliktzonen etwaiger ethnischer Abwertung und Menschenhandel verbunden, die sich aber anhand seines erhaltenen, allem Fremdem gegenüber sehr aufgeschlossenen Reisetagebuchs entkräften lassen.

          Die Zurschaustellung von Luxus aus fernen Ländern in um Figuren erweiterten Stillleben, und sei es nur der allfällige Orientteppich unter der Bibel selbst von Mennonitenpredigern, war theologisch kein Problem: im calvinistischen Holland galt Reichtum als gottgefällig. Ob die Verklassung der Welt in Herren und Diener rechtens sei, wurde schon deshalb kaum hinterfragt, weil derartige Abhängigkeitsverhältnisse in der Bibel ebenso zu finden waren wie in Arabien oder in den jeweiligen Gesellschaften der niederländischen Kolonien. Bleibt der Vorwurf des „Blackfacing“ und des illegitimen Aneignens fremder Kulturen, besonders bizarr in Aelbert Cuyps „Gruppenbildnis der Familie Sam“ zu bestaunen: Die eine Hälfte der enorm wohlhabenden Weinhändlerfamilie ist ins gewohnte calvinistische Schwarz gewandet, die andere in orientalische Kleidung mit Turbanen – wobei der des Schwiegersohns Arent Huttenus den Hut des pater familiae sogar überragt.

          So zeigen fast alle Bilder der Ausstellung ein gerüttelt Maß an Sozialgeschichte, was nicht verwundert, da hinter ihr der Kunstsoziologe und Rembrandt-Experte Gary Schwartz steht. Viel reale Kolonien-Importware, viele Objekte aus der in Amsterdam allen zugänglichen Sammlung der Ostindien-Kompanie wie japanische Kutani-Keramik und Nautilus-Muscheln konnten auf den Bildern identifiziert werden. Und obwohl das Wissen um die fremden Kulturen in der Bürgerschaft nicht allzu groß und schon die Trennschärfe zwischen Mogulreich und bewundertem China keineswegs immer gegeben war, wäre es ungerecht, von heutiger Warte aus zu urteilen – einige Forscher bemühten sich redlich um belastbare Daten, wie etwa der Katalogbeitrag „Wissen aus dem Morgenland – das Sammeln orientalischer Handschriften in der niederländischen Republik“ von Arnoud Vrolijk belegt. Und wie stets gilt: Gerade das Nicht-Wissen spornte die Künstler dazu an, die Lücken mit Phantasie aufzufüllen.

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