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Petitions-Portal : Drückerkolonne

  • -Aktualisiert am

Die analoge Version der digitalen Petition. Bild: AFP

Petitionen kann man seit einigen Jahren digital auf der Internetseite Change.org unterzeichnen, die sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Nun investiert die finanziell potente High Society des Internets in die Seite. Was bedeutet das?

          Es ist noch gar nicht so lange her, da versprach das Internet ein kuscheliger Ort voller Sharing und Liking zu werden, wo Menschen ganz basisdemokratisch und direkt die Mächtigen unter Druck setzen können. Weil menschenfreundliche Start-ups ihnen helfen, „sich für die Welt einzusetzen, in der sie leben möchten“. Letzteres hatte sich Ben Rattray auf die Fahnen geschrieben, als er 2007 Change.org gründete: eine Online-Plattform, auf der jedermann kostenlos Petitionen veröffentlichen kann.

          Seitdem ist Change.org zu einer hochdrehenden Meinungsmaschine mit mehr als 80 Millionen Nutzern* weltweit geworden und zu einem schlagkräftigen politischen Instrument: Als vor zwei Jahren in Florida ein unbewaffneter schwarzer Jugendlicher erschossen wurde, forderten gut zwei Millionen Unterzeichner auf der Kampagnen-Plattform, dass Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Täter aufgenommen werden müssten. Mit Erfolg. Petitionen auf Change.org sorgen dafür, dass Elefanten in Indien freikommen, eine Frau das Fernseh-Duell zwischen Obama und Romney moderierte und Ferguson diskutiert, ob Polizisten künftig Kameras am Körper tragen sollen.

          Mit Change.org kann man richtig was losmachen: Massen mobilisieren und für oder gegen ausgewählte Ziele in Stellung bringen. Was ließe sich alles anstellen mit lancierten Kampagnen oder verhindern, indem man unliebsame Petitionen stoppt! Das haben wohl auch die Mächtigen des Silicon Valley erkannt und entschieden: Da müssen wir mit an Bord. Besser am Ruder als in der Schusslinie. Und so haben Bill Gates, Arianna Huffington, die Gründer von Yahoo, Twitter, Ebay und LinkedIn, Jerry Yang, Evan Williams, Pierre Omidyar und Reid Hoffman, mit weiteren netzkapitalen Schwergewichten 25 Millionen Dollar in die Hand genommen und sind bei Change.org eingestiegen. Damit das Unternehmen weiter wachse, in ihrem Sinne.

          Denn die Plattform ist mitnichten nichtkommerziell. Sie macht Gewinne damit, dass sie auch gesponserte Petitionen schaltet und von Organisationen Geld für Nutzerdaten nimmt. Da ist es nicht gerade vertrauenerweckend, dass große Internetunternehmer mit im Boot sind. Der Change.org-Chef Rattray sieht das anders. Er sagt, seine neuen Investoren öffneten ihm Türen zu den richtigen Ratgebern. Zu Leuten, die etwas von der Macht des Internets verstünden: „Petitionen sind für Change.org, was Bücher für Amazon waren.“

          Wir schließen daraus: Bei Büchern drückt Amazon die Preise, bei der Demokratie drückt Change.org auf die Tube. Und wem nutzt es? Dem, der am Drücker sitzt. Die Pressuregroup, die hinter Change.org steht, hat mit Graswurzelbewegung nichts mehr zu tun. Wir sollten ihre Petitionen fürchten.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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