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Zwischen Fußball und Brexit : Jubel, Trubel

  • -Aktualisiert am

So sieht Freude aus: Ein Fan der britischen Fußball-Nationalmannschaft der Herren feiert in London. Bild: dpa

Ein britischer Traum ist der Realität ein großes Stück näher gerückt. Gleichzeitig ist ein anderer zerplatzt.

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          In Russland hat England mit dem Einzug ins Halbfinale das lange Unvorstellbare erreicht. In Chequers, dem premierministeriellen Landsitz, erlosch nach den Worten des „Sunday Telegraph“ jene vor zwei Jahren in Aussicht gestellte Chance eines Neustarts für die Nation. Die Politik ist freilich vorübergehend in den Hintergrund gedrängt worden durch die aufwallende Hoffnung, dass der Fußball wider Erwarten „nach Hause“ kommen könnte, wie es in dem Lied aus dem Jahr 1996 heißt, das von den seit 1966 immer wieder enttäuschten Erwartungen handelt. Das Köpfehängenlassen zu Beginn der Weltmeisterschaft ist, zumal vor dem Hintergrund des bedrückenden Brexit-Debakels, einem wiedererwachten, einenden Selbstwertgefühl gewichen. In dem Übermut ist sogar davon die Rede, dass die multikulturelle Mannschaft dazu beitragen könne, eine frische nationale Identität zu formen. Der England-Trainer Gareth Southgate wird als Idol gefeiert, als Verkörperung, wie eine Kommentatorin es formulierte, jener altmodischen englischen Eigenschaften der Höflichkeit, des Understatement, der Selbstbeherrschung, des ironischen Humors.

          Das Fußballfieber fördert allerdings auch weniger vorbildliches Benehmen. Zwei Frauen, die während des Spieles gegen Kolumbien der Vorstellung eines Musicals über den Untergang der „Titanic“ beiwohnten, waren von dem Drama auf ihrem Handy gefesselter als vom Bühnengeschehen. Just in dem Moment, in dem die Rettungsboote zu Wasser gelassen wurden, stießen sie beim Elfmeter-Schießen Jubelschreie aus. Einige der Darsteller lüfteten ihren Unmut in ähnlich ungehaltener Form wie vor kurzem der Seifenoper-Schauspieler Danny Dyer, der kein Blatt vor den Mund nahm in einer Tirade gegen den Brexit und den „Blödmann“ David Cameron. Die zwei Frauen in der ersten Reihe seien die unhöflichsten Zuschauer, vor denen er das Pech gehabt habe, auftreten zu müssen, und die dümmsten des Planeten, zwitscherte Niall Sheehy, der Frederick Barrett, den Heizer der Titanic spielt.

          Es war nur die jüngste Manifestation der Unsitte, auch während einer Vorstellung nicht auf das Mobiltelefon zu verzichten. Vor dem Viertelfinale gegen Schweden ermahnten Geistliche ihre Gemeinschaften, bei Trauungen, die mit dem Spiel kollidierten, von der Nutzung ihrer Telefone abzusehen. Vielleicht sollten alle Institutionen sich ein Beispiel an Theresa May nehmen, die für die Klausurtagung ihres Kabinetts in Chequers ein absolutes Handy-Verbot erteilte, wie es auch für Besucher des Buckingham-Palastes und der Downing Street gilt. Dort muss man das Gerät an der Tür abgeben.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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