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Johnson-Kommentar : Abgang für Arme

  • -Aktualisiert am

Boris Johnson am Tag seines Rücktritts: Mit ihm sind bereits zwei Minister aus Theresa Mays Kabinett in kürzester Zeit zurückgetreten. Bild: Reuters

Boris Johnsons Rücktritt war wie sein ganzes politisches Leben: ziemlich würdelos. Wie ein Abtritt richtig funktioniert, hätte der Möchtegern-Churchill von einem Vor-Vorgänger lernen können.

          Der Slogan „Adel verpflichtet“ hätte auf Lord Carrington gemünzt werden können. Er verkörperte eine selbstverständliche Vorstellung von Ehre, Dienst an der Öffentlichkeit und bescheidenem Understatement. Nichts hat dies derart prägnant ins Bewusstsein gerufen wie sein würdiger Abgang als Margaret Thatchers Außenminister nach der argentinischen Invasion in die Falkland-Inseln.

          Sein Ressort war heftig kritisiert worden für die Einschätzung, dass Argentinien seine Ansprüche auf das Territorium bloß auf dem Verhandlungswege geltend machen würde. Carrington hielt den Tadel zwar nicht für ganz gerechtfertigt, empfand es jedoch als Ehrensache, die Verantwortung zu übernehmen für den „demütigenden Affront“. Seitdem wird sein damaliges Verhalten immer wieder hochgehalten als letztes Beispiel für einen ehrenwerten ministeriellen Rücktritt, auch jetzt wieder im Zusammenhang mit Boris Johnsons charakteristisch pompösem Abschied aus dem Kabinett.

          Deshalb wirkt es wie eine merkwürdige Fügung des Schicksals, dass Peter Carrington an dem Tag gestorben ist, an dem seine vorbildliche Haltung wiederholt Erwähnung fand. Obwohl Johnson sich die Aussage seines Vorgängers zu eigen machen würde, dass es ihm um die Wiederherstellung von Großbritanniens Selbstachtung gegangen sei, sind diese beiden Konservativen in Stil und Gesinnung von unterschiedlichem Schlage.

          Niemals wäre Carrington eine solche Unflätigkeit über die Lippen gekommen wie jene Johnsons, dass der Versuch, Theresa Mays Brexit-Pläne zu rechtfertigen, dem Polieren eines Hundehaufens gleiche. Die beiden ehemaligen Außenminister unterschieden sich auch in der Europa-Frage. Carrington gehörte jener Generation an, deren Weltbild durch die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs geprägt war. Sein Mitstreiter, der hochgestellte Diplomat Michael Palliser, brachte dies auf den Punkt, als er auf die Frage antwortete, wann er zum überzeugten Europäer geworden sei: „Auf einem Panzer in den Niederlanden im Krieg.“

          Carrington hatte zwar einiges auszusetzen an der Entwicklung, die der ursprüngliche Europa-Gedanke nahm. Dennoch war er ein Gegner des Brexits und plädierte für ein Reform von innen. Anhänger Johnsons haben versucht zu argumentieren, dass dessen Rücktritt von ähnlich hehren Motiven getragen sei wie 1981 der von Carrington. Dieser war übrigens das letzte überlebende Mitglied eines Kabinetts von Winston Churchill, jenem Staatsmann, an dem Johnson sich so gerne misst.

          Kritiker des Möchtegern-Churchills spotten, dass Johnson seinem Idol lediglich in einer Hinsicht gleiche: Auch Churchill galt als prinzipienloser Opportunist. Der Sekretär Eduards VII. hielt die bloße Vorstellung, dass Churchill aus Überzeugung oder Prinzip handeln könnte, schon für lachhaft. Dennoch hat Churchill sein Ziel erreicht. Bei Johnson ist noch nicht klar, wer zuletzt lachen wird.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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