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Großbritannien : Waldwund

  • -Aktualisiert am

Die Pläne der britischen Koalitionsregierung, 258.000 Hektar staatlicher Wälder zu verkaufen, stößt auf heftige Kritik. Das reiße Wunden in britische Eichenherzen, titelte die „Sunday Times“, der National Trust spricht von einem „Wendepunkt in der Geschichte der Nation“.

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          In der britischen Politik gelten die Tories gemeinhin als die Vertreter der ländlichen Kultur, während die Labour Party mit ihren Wurzeln in der industriellen Arbeiterschaft eher mit städtischen Belangen in Verbindung gebracht wird. Doch nun scheint ein Rollenwechsel stattzufinden. Die umstrittenen Pläne der Koalitionsregierung zur Privatisierung von 258.000 Hektar staatlicher Wälder - achtzehn Prozent des Gesamtbestandes - gibt der Opposition Gelegenheit, die Konservativen als die Schänder der Natur darzustellen und sich selbst als deren Wächterin zu stilisieren.

          Der Verkauf der Wälder reiße Wunden in britische Eichenherzen, überschrieb die „Sunday Times“ einen Appell des Labour-Parteiführers Ed Miliband, der die historischen englischen Waldungen vor der zügellosen Ideologie des freien Marktes schützen will. Die Schlagzeile spielt auf das aus dem achtzehnten Jahrhundert stammende Marinelied an, das den Kampfgeist der standhaften Seeleute mit dem Eichenholz vergleicht, aus dem ihre Schiffe gebaut sind.

          Heiligsprechung der Forstwirtschaftsbehörde

          Patriotisches Pathos stützt sich gern auf dieses Bild, und nicht zufällig hat der National Trust, die Stiftung zur Wahrung historischer Häuser, Gärten und Landschaften, das Eichenblatt als Emblem gewählt. Die Denkmalschutzorganisation hat sich nun auch der Kampagne gegen die Regierungspläne angeschlossen, die Prominente wie der Erzbischof von Canterbury, die Schauspielerin Judi Dench oder die Modedesignerin Katherine Hamnett als gewissenlos und schlecht durchdacht kritisieren.

          Die Geschäftsführerin des National Trust spricht von einem „Wendepunkt in der Geschichte der Nation“, andere vergleichen die Pläne mit Margaret Thatchers Kopfsteuer, Hunderttausende von Briten haben sich in einer Unterschriftensammlung dem Protest angeschlossen. Versicherungen der Regierung, dass historische Waldgebiete von der staatlichen Forstwirtschaftbehörde an Stiftungen übertragen und weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich sein würden, gehen ebenso unter in der Empörung wie der Hinweis, dass die Doppelrolle der Forstwirtschaftsbehörde als Regulator und Verwalter der britischen Wälder nicht länger tragbar sei. Waldbesitzer haben jahrzehntelang wegen der alles über einen Kamm scherenden Bürokratie der Forstwirtschaftsbehörde gestöhnt, und die britische Landschaft trägt überall die Narben der von diesem Amt stur betriebenen Bepflanzung mit nicht heimischen Nadelbäumen in Reih und Glied, oft auf Kosten alter Mischwälder. Nun wird diese Behörde plötzlich zum Heiligtum erklärt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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