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Umbettung von Richard III. : Gute Nacht, böser König

  • -Aktualisiert am

Ein Fall von „Serendipidy“: Unglaubliche Zufälle führten zu der Entdeckung der Gebeine. Bild: AFP

Ganz Großbritannien ergibt sich geschichtsseligem Taumel: Die Feierlichkeiten zur Umbettung von Richard III. erreichen mit einem Hochamt in der Kathedrale von Leicester ihren Höhepunkt.

          6 Min.

          Geschichte und Gegenwart haben sich dieser Tage in Leicester auf seltsame Weise verschmolzen in einem Schauspiel, auf dessen Bedeutung sich die englische Nation noch keinen richtigen Reim machen kann. Sicher ist jedoch, dass hier mit den Zeremonien zur Umbettung der vor zweieinhalb Jahren unter einem Parkplatz des Sozialamtes entdeckten Gebeine König Richards III. etwas Bemerkenswertes über die Bühne gegangen ist, dessen Ausmaß selbst sentimentale Ricardisten – so nennen sich die um die Rehabilitierung des umstrittenen Monarchen bemühten Mitglieder der 1924 gegründeten „Richard III. Society“ – verblüfft.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die atavistischen Gefühle, die dieses Ereignis geweckt hat, stehen freilich in prägnantem Widerspruch zur Ratio jener modernen Forschung, ohne deren Mittel die Universität Leicester die Überreste nicht hätte identifizieren können. Für die Serie von Glücksfällen, die das Drama um Richards Auffindung begleitet haben, gibt es in der englischen Sprache das schöne Wort „serendipity“. Hätten die Archäologen zwanzig Zentimeter rechts oder links von der gewählten Stelle in den Asphalt gestochen, wäre ihnen das Grab entgangen. Zu den Glücksfällen zählt aber auch der Zeitpunkt der Ausgrabungen: Vor zwanzig Jahren wäre das DNA-Verfahren noch nicht hinreichend gewesen, um das Erbgut eindeutig zu entschlüsseln. Und in dreißig Jahren wäre die Auswertung daran gescheitert, dass keine Nachfahren mehr vorhanden sein werden für DNA-Vergleichsproben. Denn mangels einer ununterbrochenen männlichen Erblinie für eine Y-Chromosomen-Analyse waren die Genforscher auf Mitochondrien angewiesen, die nur über Mütter an ihre Kinder weitergeben werden. Und mit den Nachfahren der Schwester Richards III., die ihre, wie sich dann herausstellte, mit dem Erbgut des letzten Plantagenet-Königs genau übereinstimmende DNA zur Verfügung gestellt haben, bricht die Erblinie ab.

          Noch 530 Jahre nach seinem Tod vermag Richard III die Menschen zu bewegen – hier vor der Kathedrale von Leicester.

          Von unglaublichen Zufällen gekennzeichnet

          Die forensischen Untersuchungen von Richards Knochenreste haben eine Fülle faszinierender Daten zutage befördert, allen voran, dass der Körper des Königs tatsächlich durch eine Rückenkrümmung entstellt war. Es gehört zu den Ironien dieses fesselnden, von nahezu unglaublichen Zufällen gekennzeichneten Entdeckungs- und Identifizierungsprozesses, dass sich die von den Ricardisten als Tudor-Hetzpropaganda abgetanen Beschreibungen Richards als verblüffend genau erwiesen haben. Der König war durch seine Deformation tatsächlich, wie es der italienische Humanist Polydor Vergil in seiner etwa dreißig Jahre nach Richards Tod entstandenen Geschichte Englands festgehalten hat, „von kleiner Statur, körperlich verunstaltet, die eine Schulter höher als die andere“. Und obgleich man anhand des gefundenen Schädels eine Rekonstruktion seines Gesichts vorgenommen hat, dem aufgrund von DNA-Analysen, die ergeben haben, dass der König als Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von 77 Prozent blond gewesen sei und mit neunzigprozentiger Sicherheit blaue Augen gehabt habe, helleres Haar verpasst wurde, weist die neue Büste eine verblüffende Ähnlichkeit mit den überlieferten Porträts auf, die zwar alle postum entstanden sind, jedoch auf zu Lebzeiten erstellten Vorbildern basierten.

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