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Grönlands Ureinwohner : Eine Nation probt die Eskimo-Rolle

  • -Aktualisiert am

Die Grönländer bleiben derzeit noch ein Naturvolk: zwei Eisbärenfälle auf einem Schifferboot Bild: Matthias Hannemann

Grönland hat für mehr Unabhängigkeit vom Mutterland Dänemark gestimmt. Für die Inuit fangen die Probleme damit aber erst an. Sie sind auf die moderne Lebensform, die mit steigender Ausbeutung der Bodenschätze verbunden ist, nicht vorbereitet.

          Unmöglich, bei diesem Sturm an einen Landgang zu denken. Die Eisberge, die vom Wind über dunkle Wellen getrieben wurden, schoben sich vor der Siedlung ineinander, bis der Anleger und die Holzhäuser dahinter verschwunden schienen. Und so sehr unser grönländischer Steuermann auch die Augen zusammenkniff: Der Walfängerort Uummanaq blieb fern, noch unerreichbarer als ohnehin schon. Er überlegte. Besprach sich mit den anderen auf dem Schiff. Dann steuerte er mit Kurs Nordost zwischen Felsen und Eisbergen vorbei, bis ein schützender Fjord gefunden war.

          71° 07' N, 51° 14' W: Wir hätten nie gedacht, dass dieser Fjord, sechshundertfünfzig Kilometer nördlich des Polarkreises gelegen, noch einmal Schlagzeilen machen würde. Erst recht hätten wir keine Fackelzüge in den grönländischen Gemeinden erwartet, die von den Gedanken an Plätze wie diesen angetrieben wurden. Maarmorilik, eine aufgegebene Zinkgrube im hintersten Winkel Grönlands, erschien bloß als düster-melancholische Ersatzattraktion.

          Der kulturelle Aufbruch hat begonnen

          In diesem Winter aber, im Zeichen des Klimawandels, wird alles anders. Denn aus Grönland kommen zwei Nachrichten, die sich im medialen Overkill zu verlieren drohen, obwohl gerade sie nicht nur von einem wirtschaftlichen, sondern von einem kulturellen Aufbruch zeugen: Die Grönländer, letztlich noch immer an Dänemark gebunden, haben sich in einer Volksabstimmung unlängst für mehr Unabhängigkeit von Kopenhagen ausgesprochen. Und in Maarmorilik, in einer Mine, die dunkler Strukturen im Gestein wegen nur „Black Angel“, der „schwarze Engel“, genannt wird, wird so fieberhaft gearbeitet, als könne man vor dem großen Schmelzen kaum noch rechtzeitig die Maschinen in Position bringen; nicht nur dort soll die Produktion im Frühjahr wieder anlaufen - überall entlang der Küste wird das Land nach Bodenschätzen abgeklopft.

          Ein Swimmingpool für wärmere Zeiten: Grönland denkt klimatechnisch voraus

          Es ist kein Kunststück, sowohl die Parolen der 56.000 Grönländer wie die Hubschrauber ausländischer Konzerne in den Fjorden als Zeichen ein und desselben Traums zu erkennen: des Traums vom großen Jackpot unter dem Eis, der spätestens seit Russlands inszeniertem Tauchgang am Nordpol zum Politikum wurde und in Grönland nun ebenso geträumt wird wie im nordnorwegischen Hammerfest, wo Erdgas aus der Barentssee verschifft werden soll, oder an der Hudson Bay, wo man auf eisfreie Routen für die Schifffahrt hofft.

          Verseuchte Geisterstadt

          Merkwürdig aber ist dieser Traum schon. Denn gerade in Grönlands Nordwesten, in den Fjorden hinter Uummanaq, drohte er schon einmal zu einem Albtraum zu werden: Als unser Schiff den Fjord durchquerte, erzählte ein Ortskundiger noch von den Schwermetallen, die durch den Grubenbetrieb der Jahre 1973 und 1990 ins Wasser geschwemmt worden waren, und auch die Wissenschaftler an Bord des deutschen Forschungsbootes „Maria S. Merian“, die im vorletzten Sommer in den Gewässern forschten, waren über den Zustand bestürzt. Die frühere Betreiberfirma leitete die Abwässer der Erzmühle offenbar direkt in die angrenzenden Fjorde. Mit fatalen Folgen für eine Natur, aus der sich die Inuit als Fischervolk noch immer stark ernähren.

          Was von einer Anlage übrig blieb, in der einst etliche hundert Mitarbeiter tätig waren, taugte seit Ende der Minentätigkeit einzig als drastisches Öko-Denkmal: eine Handvoll verwaister Baracken, aus denen nicht einmal alle Aktenordner herausgebracht worden waren, ein rostiger Laster, für den es keine Straßen gibt, zersplittertes Fensterglas, Staub, Ruinen, Beton. Trotzdem brachte man die Zodiaks aufs Wasser, um die auf ständig größeren Kreuzfahrtschiffen die Disko-Bucht besuchenden Touristen für einige Minuten an Land zu bringen. Die aber schauten sich ratlos an. Sie drehten lieber zwei Schleifen um pittoreske Eisberge. Freuten sich, auf der anderen Seite des Fjordes die Stelle auszumachen, von der Alfred Wegener 1930 ins Inlandeis aufgebrochen war, von Ernst Udet zu hören, der hier mit Leni Riefenstahl „SOS Eisberg“ drehte.

          Maarmorilik, benannt nach der anfänglichen Nutzung als Marmorgrube, war ein trauriger, von gescheiterten Hoffnungen zeugender Ort. Erst das Rotorengebrüll eines Helikopters machte stutzig. Er brachte im Auftrag einer britischen Firma Wissenschaftler auf den Felsen über der Geisterstadt. Sie seilten sich zum Eingang in sechshundert Meter Höhe ab, wagten sich zu Probebohrungen in die Schächte vor und arbeiteten an der Rekonstruktion der Seilbahn, über die bis 1990 rund 12 Millionen Tonnen Erz hinunter zum Fjord geschickt worden waren. Kilometertief sollen diese Schächte sein. Abgeschlossen werden sie von einer Betonwand. Und hinter der beginnt: das Eis.

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