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Grönlands Ureinwohner : Eine Nation probt die Eskimo-Rolle

  • -Aktualisiert am

Hier sind die meisten für eine Abnabelung von Dänemark

Das Abenteuer „Schwarzer Engel“ schien in den letzten drei Jahren wieder ein lukratives Geschäft zu werden. Die Rohstoffpreise stiegen. Das Inlandeis gab immer mehr des Schatzes frei. Den Rest besorgten der Frontgeist der Unternehmer und die Euphorie im Städtchen Uummaanaq, allen vergangenen Erfahrungen zum Trotz. Spätestens im Mai 2008, als Nick Hall, Geschäftsführer eines nach wortkargen Edelleuten aus Macbeth benannten Unternehmens, auf umständlichen Wegen nach Uummanaq gelangte, um Lizenzverträge für die nächsten dreißig Jahre zu unterzeichnen, begrüßte ihn der Bürgermeister mit offenen Armen. „Wir wollen auch mit lokalen Kräften arbeiten“, sagte Hall, „und indirekt, alleine durch die Anwesenheit unserer Arbeiter im Ort, wird Uummanaq wieder profitieren.“ So sagt er es noch heute, am Tag nach einem Selbstverwaltungs-Referendum, von dem der neue Herr über den „Schwarzen Engel“ freilich erst durch unseren Anruf erfährt.

Von den 1263 Stimmzetteln, die in Uummanaq und den umliegenden sieben Ortschaften abgegeben wurden, votierten 88 Prozent für eine Abnabelung Grönlands von Dänemark. 76 Prozent waren es grönlandweit. Das Gefühl, von der globalen Erwärmung in eine goldgrüne Zukunft gespült zu werden, scheint noch allgegenwärtiger als andernorts zu sein. Die Nationalisten warben mit dem Hinweis auf unerschlossene Reichtümer unter dem Eis, dank deren man zunehmend auf die enormen Überweisungen aus Kopenhagen verzichten zu können glaubt. Und mit Bildern von Barack Obama, natürlich: „Die Zukunft gehört wieder uns - befreit von Angst und Pessimismus und Sorgen.“ Ausfälliges gegenüber Dänemark verkniff man sich, wird man doch vorerst weiter zum Königreich zählen und den dortigen xenophoben Populisten, die Grönlands Rohstoffe ebenfalls im Blick haben, nicht unnötige Argumente bieten.

Haarsträubende soziale Probleme

Zwar wurde die Volksbefragung subkutan zu einem Kulturkampf stilisiert, in dem man nach Jahrhunderten dänischer Kolonialherrschaft und fünfzig Jahren amerikanischer Militärpräsenz althergebrachte Opferklischees mobilisierte; das Ja für mehr Unabhängigkeit war nicht von ungefähr mit der Sprachfrage verknüpft, und zuweilen auch wurde sie als Fortsetzung jenes Referendums begriffen, das 1985 zum Ausstieg Grönlands aus der EU führte.

Der eigentliche Kulturkampf aber, eine nationale Eskimo-Rolle, steht Grönland noch bevor. Denn just jene Kultur, auf die man sich im Zuge der Nationswerdung immer stärker beruft, könnte der Selbstbestimmung der Inuit bald im Wege stehen. Die Populisten täuschten nicht bloß über die Infrastruktur-Investitionen hinweg, die dieses fast straßenlose, von Import-Lebensmitteln abhängige 56.000 Einwohner-Land vor sich hat, sondern auch über die haarsträubenden sozialen Probleme des Landes, die weder durch dänische Kronen noch durch dreißig Jahre Teilautonomie in den Griff zu bekommen waren.

Ein Mobiltelefon macht noch keinen Weltbürger

Nicht allen gelingt es, rief uns nächtens ein aufgebrachter Grönland-Kenner zu, traditionelle Denk- und Verhaltensmuster eines Fischer- und Jagdvolkes mit den ethisch-moralischen Standards und Verlässlichkeiten einer globalen Arbeitswelt zu synchronisieren, der man dank Mobiltelefon, Motorschlitten und Internet als Weltbürger bereits anzugehören glaubt. Schon die Tourismus-Industrie stocke, sobald der erstbeste Inuit-Kollege nebenan die Boots- und Schlittenführer zur blutigen Robben- und Waljagd ruft: „Die zugehörigen Bilder wird man im Nationalrausch zunächst noch stärker sehen. Unsere Hoffnung ist die aufgeklärte Jugend.“

Grönlands Zukunft ist keine Wirtschafts-, sondern eine Bildungs- und Kulturfrage. Unterhalb des „Schwarzen Engels“ in Maarmorilik sind unterdessen die Unterkünfte für die Arbeiter hergerichtet worden. Nick Hall, der Minenchef, druckst am Telefon trotzdem herum, als wir nach dem Starttermin für die Arbeiten fragen: „Derzeit gibt der Markt wenig her.“ In den Zeitungen war von unerwarteten Hürden bei der Refinanzierung und fallenden Rohstoffpreisen zu lesen. „Wir werden warten müssen.“ Wenn der Wind dreht, munkelt man, könnten es südafrikanische Leiharbeiter sein, die erste Schichten übernehmen.

Für die Inuit ist das keine schlechte Nachricht. Die Zeit, die für sie spielt, können sie nutzen, um sich mit dem Bau weiterer Swimmingpools auf wärmere Zeiten vorzubereiten.

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