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Grimes’ neues Album : Miss Anthrop

Grimes versteht sich neuerdings gut mit Cyborgs Bild: Foto 4AD/Beggars

Seit die Musikerin Grimes mit dem Tesla-Chef Elon Musk zusammen ist, hängt ihr der Ruf der Silicon Valley-Marionette nach. Was heißt das jetzt für ihr neues Album?

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          Ihr fünftes Album, sagte die kanadische Sängerin Grimes vor der Veröffentlichung am Freitag, sei auch deshalb so düster geraten, weil sie die Welt um sich herum zuletzt so erlebte. Die Kritiker. Die Medien. Und das ganze selbstzerstörerische System. „Miss Anthropocene“ heißt es, und die Misanthropin singt nicht nur, das sei der Sound des Weltenendes. Es klingt auch so.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Grimes, die mit vollem Namen Claire Boucher heißt, zu mögen war nur so lange im Trend, wie sie als merkwürdig durchsichtiges Gothicwesen galt, als Freak, der Elektropopgenialitäten wie „Oblivion“ schuf. Das ging bis vor ein paar Jahren gut. Inzwischen ist sie nebenberuflich Freundin des Tesla-Chefs Elon Musk und augenscheinlich auch noch schwanger von ihm, und diese Entwicklung hat sie in den Augen ihrer Kritiker zu einem Produkt der Industrie degradiert, für die der Unternehmer steht. Grimes ist zum Silicon Valley-„Püppchen“ geworden, das mit seiner Sirenenstimme Unschuld heuchelt und seinen feministischen Anspruch verrät, eine Männerphantasie, so schreiben es Männer.

          Surrealer Traum

          Die meiste Kritik hat zwar wenig mit ihrer Musik zu tun, lässt sich aber übertragen auf diese Ein-Frau-Band, die selbst produziert und mischt und zumeist alles gleichzeitig will (und damit zu viel). Grimes sampelt Elektro, Rock, J-Pop und Dark Wave und dreht das Tempo hoch, bis einem das Herz rast, als hätte man die Substanzen, von denen sie singt, selbst konsumiert. Dass sie bei aller Melancholie und Todessehnsucht auch noch feiert („when the sun goes low“), ist auch so ein Unding. Hedonismus und Perversion in allen Ehren, sie passen einfach nicht zu einer Apokalyptikerin.

          Man muss das neue Album natürlich nicht mögen, das wie ein surrealer Traum in einem Weltraumgarten beginnt, mit gepitchter Feenstimme und gläsern klirrenden Drums. Sie wollte dem Klimawandel eine Gestalt geben, erklärte sich Grimes: den Körper einer Göttin. Jeder Song liefere eine Version menschlicher Auslöschung. „Darkseid“ hat sie mit der taiwanesischen Musikerin Pan Wei-Ju aufgenommen, er klingt wie ein nervtötendes Computerspiel. Dann ist da „Delete forever“ mit seinem scheppernden Folkrhythmus.

          Aber je länger man hinhört, desto klarer wird einem, wie viel Grimes mit dem neuen Superstar Billie Eilish gemein hat: dumpfe, schwere Bässe, lakonischen Nihilismus, Selbstzerstörungsdrang. Ihre rätselhaften Texte, die für die Verunsicherung einer ganzen Generation stehen. Selten wurde so geisterhaft fröhlich und voller Popreferenz über eine zerstörerische Beziehung gesungen wie in „Violence“. Während sich Grimes aber gerade nach jahrelanger Diskussion von ihrem Label getrennt hat und sich in einer Vielzahl von Einflüssen verliert, muss sich Billie Eilish noch nicht an ihrer Vergangenheit messen lassen und erklärte lediglich bei den Brit Awards Anfang der Woche, wie schwer es sei, dem Hass standzuhalten.

          Grimes jedenfalls hat entschieden, nicht mehr gegen das schlechte Image zu kämpfen, sondern es in ihr Portfolio der Rollen aufzunehmen. Im Video zu „Delete Forever“ zeigt sie sich als unheimliche Clownsfrau. Das Album endet mit Vogelgezwitscher und dem Motiv eines computergeschaffenen Popidols zum Verlieben. Wer da keine Kritik am Silicon Valley erkennt, ist selbst schuld.

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