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Griechischer Winter : Außer Athen

  • -Aktualisiert am

„Zu verkaufen“-Schilder finden sich fast an jedem Wohnblock in Athen Bild: Henning Bode

Wer geht, wer bleibt, wer hält das alles überhaupt noch aus? Ein paar Tage in Griechenland im Winter 2011 geben einen tiefen Einblick in die Zustände des Landes und den drohenden Verfall.

          5 Min.

          Auf dem Victoria-Platz in Athen sitzen Menschengruppen im Nieselregen. Die Leute aus Pakistan, Bangladesch, Afghanistan weichen dem schlechten Wetter gar nicht aus, hocken unter den mageren Bäumchen, die keinen Schutz bieten. Die triste Atmosphäre auf dem zentralen Athener Knotenpunkt neben der U-Bahn hat so gar nichts von heiter-mittelmeerischer Lebensweise. Die Tische der wenigen Cafés sind unbesetzt. Es ist kalt. Doch diese Einwanderer kommen jeden Tag, viele mit ihren Kindern, weil sie keine Arbeit mehr haben, weil sie daheim in engen Unterkünften nicht bleiben können. Und so warten sie und warten.

          Petros Markaris kennt das Bild. Der Schriftsteller, der die Stadt Athen zum eigentlichen Helden seiner Kriminalromane gemacht hat, wohnt ganz in der Nähe und beobachtet immer das gleiche Bild. Ein-, zweimal pro Woche kommt die Polizei und vertreibt die Migranten in die Seitenstraßen, dann kommen sie langsam wieder zurück und nehmen ihre Plätze auf den Randsteinen ein. Wenn Fernsehteams das Bild festhalten wollen, verstecken sie sich. Sie schämen sich der europäischen Sackgasse, in der ihre Biographie geendet ist, und haben Angst, dass Verwandte daheim sie erkennen könnten.

          Es geht der Bourgeoisie nicht anders als den Migranten

          Den Victoria-Platz kennt Petros Markaris, der 1937 in Istanbul geboren wurde und seit den sechziger Jahren in Athen lebt, noch von ganz früher. Vor dreißig, vierzig Jahren saßen hier die Damen der besseren Gesellschaft in Kaffeehäusern, erst morgens, dann nach der Mittagspause bis in den Abend bei Torte und Aperitif. Spätestens mit der drohenden griechischen Staatspleite ist das Viertel - gerade mal eine Metrostation hinterm Geschäftszentrum des Omonia-Platzes - kein idyllischer Ort mehr. Von den Cafés existiert kaum noch eines, und auch von den Läden haben zuletzt immer mehr dichtgemacht.

          Niemand kauft. Viele Angestellte haben hier schon seit Monaten kein Gehalt bekommen. Im Augenblick halten die Athener Geschäfte den Betrieb noch als Fassade aufrecht, in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Doch wie sollen die anbrechen bei immer höheren Steuern, immer weniger Kunden, immer mehr Arbeitslosen? Im Grunde geht es der Bourgeoisie nicht anders als den Migranten, die hier ein besseres Leben suchten und jetzt nurmehr ausharren und auf die umstrittene Suppenküche des örtlichen Popen hoffen.

          Hier ist noch griechisches Territorium

          Wenn es dunkel werde, erzählt Markaris, herrscht auf den Straßen der Drogenhandel, meist von afrikanischen Zuwanderern kontrolliert. Am schlimmsten sei es rund um die Metrostation Agios Nikolaos, eigentlich eine kleinbürgerliche, geschäftige Gegend mit den typischen vierstöckigen Wohnblöcken der siebziger und achtziger Jahre, die aus Athen eine der kompaktesten und hässlichsten Metropolen Europas gemacht haben. Tagsüber ist hier wenig los. Petros Markaris weiß, dass nachts, wenn der Drogenhandel losgeht, selbsternannte rechtsradikale Schutztrupps auflaufen: „Sie gehen zu den alten Leuten in die Treppenhäuser und sagen, dass sie die Alten beschützen.“

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