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Athen : Endstation Wahllokal

„Oxi“ – was einst gegen Mussolini half, das kann nur gut für Griechenland sein, oder? Bild: Imago

Kein Grieche fühlt sich frei am Tag des Referendums. Aber niemand will zu Hause sitzen und verzweifeln – obwohl es Anlass genug dafür gäbe.

          3 Min.

          Am Vorabend des Referendums gehen die Athener auf die Straßen ihrer Stadt. Aber sie protestieren nicht, sie flanieren. Sie schlendern durch die Gassen, sitzen unter Weinlaub, füllen die Restaurants und Tavernen der Altstadt. Wer von einem der Dachgärten der Nobelhotels am Syntagmaplatz hinunterschaut, kann sehen, wie die Athener die große Einkaufsstraße Ermou hinunterströmen, auf der ein griechisches Geschäft nach dem anderen schließen musste und nur die Filialen internationaler Ketten überlebt haben. Aber die meisten, die hier oben sitzen, denken gar nicht daran, in den Abgrund zu blicken.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Am Ende der Ermou dämmern hinter hohen Zäunen die Ruinen der Agora. Hier, direkt unterhalb des Machtzentrums Akropolis, trafen sich in der Antike Athens freie Bürger zur Volksversammlung. Aber gibt es in diesen letzten Abendstunden vor dem Referendum noch einen Bürger in Athen, der sich frei fühlt? „Es ist heiß, unsere Wohnungen sind klein, wir können nicht immer nur zu Hause hocken und uns unserer Verzweiflung überlassen“, sagt Eví, die siebzehn Jahre lang in Nürnberg ein griechisches Restaurant betrieben hat. „Wenn wir nicht einmal mehr am Samstagabend ein wenig ausgehen können, dann werden wir alle endgültig verrückt. Und wenn wir alle verrückt werden, wie sollen wir dann vernünftig abstimmen?“

          Am Morgen hängen an allen Metrostationen kleine Zettel an den Fahrkartenautomaten, auf denen steht, dass die Fahrt am Tag des Referendums nichts kostet. Dass diese Maßnahme der Regierung Tsipras etwa 300.000 Euro kosten wird, steht hier nicht. Die Endstation der Linie 1 heißt Kifissia, ein Vorort im Norden Athens. Hier nahm am 28. Oktober 1940 der General, Ministerpräsident und spätere Diktator Ioannis Metaxas das Ultimatum Mussolinis entgegen und antwortete, so will es die Legende, mit einem einzigen Wort: „Oxi!“ – „Nein!“

          Sie können einfach nicht mehr

          Damals hatten wohlhabende Athener ihre Ferienhäuser in Kifissia, heute ist es ein Vorort „für Besserverdienende – und vor allem für Besserverdienthabende“, wie Christos Asteriou sagt. Der Schriftsteller und Übersetzer hält das Referendum für absurd: „Niemand von uns kann wissen, worüber genau wir heute abstimmen. Sicher ist nur, dass unsere Probleme nicht mit einem Ja oder Nein zu lösen sind.“ All jenen Griechen, die seit fünf Jahren am Rande der Gesellschaft leben müssen, sei ohnehin egal, wie das Referendum ausgeht: „Sie sind so oder so am Ende. Sie können einfach nicht mehr.“

          Christos Asteriou hat die deutschsprachige Abteilung des europäischen Übersetzerzentrums in Athen geleitet – bis es vor vier Jahren wegen der Krise geschlossen wurde. Von seinen Büchern und Übersetzungen kann er nicht leben. Für den Abdruck einer Erzählung hatte ihm eine Zeitschrift kürzlich hundert Euro geboten. „Ein paar Wochen später, die Erzählung war bereits erschienen, riefen sie an und sagten, sie könnten nur fünfzig Euro aufbringen. Am Ende zahlten sie gar nichts.“

          Asteriou lebt von seinem Gehalt als Deutschlehrer an einem Gymnasium. Bis zur letzten Gehaltskürzung hat er 1100 Euro verdient, danach waren es dreißig Prozent weniger: „Wie es weitergehen soll, wenn die nächste Kürzung kommt, weiß ich nicht.“ Eine Freundin von ihm arbeitet in einer Buchhandlung, die ausschließlich halbe Stellen anbietet. „Natürlich arbeitet sie trotzdem jeden Tag fünf oder sechs Stunden. Wollen Sie raten, wie viel sie verdient?“ Es sind 210 Euro im Monat. Aber auf diese Weise, sagt Asteriou, sei sie wenigstens versichert.

          Eine alternativlose Politik passt nicht zu Europa

          Asterious Großmutter, die 92 Jahre alt wurde und im letzten Jahr starb, hat bis zuletzt immer wieder von den Deutschen gesprochen, die ihr Dorf auf der Peloponnes überfallen haben. Ihr Enkel hat Germanistik studiert, in Deutschland gelebt und das Land lieben gelernt. Aber Deutschland, sagt Asteriou, hätte sich verändert. Auch die Europäische Union hat sich verändert. Sie habe zwei Gesichter bekommen: „Seit den frühen achtziger Jahren hat Griechenland die EU als Institution kennengelernt, die Millionen über Millionen ins Land gepumpt hat, ohne jemals nach Verbleib und Verwendung dieses Geldes zu fragen. Jetzt sieht sich Griechenland mit einer EU konfrontiert, die über jeden einzelnen Cent Rechenschaft von uns verlangt.“

          Christos Asteriou spricht nicht von Erpressung. Er sagt nur, dass eine Politik, die sich als alternativlos anpreist, nicht gut zu Europas Werten passe. Dann gehen wir zum Wahllokal. Es ist in einer Schule, in der die Kinder von Kifissia lernen, wie heroisch der General damals Mussolini sein „Nein“ entgegenschleuderte. Bis heute ist Metaxas „Oxi-Tag“ ein Nationalfeiertag in Griechenland. Was die Kinder der Kinder von Kifissias eines Tages über die Regierung Tsipras, das Referendum und den historischen Sonntag des 5. Juli lernen werden, das steht in den Sternen.

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