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Griechenland-Krise : Europoker

Im derzeit gespielten Europoker hat niemand zwei Asse auf der Hand – und schon gar nicht im Ärmel. Bild: dpa

Wer sein Pokerface nicht unter Kontrolle hat, hat verloren. Aber auch griechische Spiele brauchen ein Ende – besonders dann, wenn kein As mehr im Ärmel ist.

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          Das Spiel ist aus. Die Würfel sind gefallen. Das wünschen sich inzwischen alle – dass es aufhört, einfach nur aufhört. Aber es geht natürlich weiter mit der griechischen Finanzkrise. In dem Augenblick, in dem die versammelte Phalanx der europäischen Spitzenpolitiker signalisiert: Es reicht jetzt, Ende, vorbei, kommt die Europäische Zentralbank und sagt, dass sie Griechenland nun doch mit Notkrediten versorgen werde, wenn auch nur für einen Tag. Ein weiterer Tag in dem nicht enden wollenden Drama, dessen letzter Akt so oft schon angekündigt wurde.

          In den Nachrichtensendungen sehen wir die Korrespondenten in Brüssel, Berlin, Paris und Athen stehen und um Worte ringen. „Der Berg bewegt sich“, hören wir es am Sonntagabend aus Brüssel raunen und: Es wird in großem Stil Pizza geordert. Italienische Teigwaren gelten in solchen Zeiten als gutes Zeichen. Dabei könnte es sich aber durchaus um die in dieser Zeitung schon einmal bei der Fußball-WM bemühte „Pizza endstatione“ handeln. Wenn nicht nur die Bürger den Eindruck haben, dass es gar nicht mehr darauf ankommt, wie dieses Ende aussieht und mit welchen Konsequenzen es verbunden ist, sondern auch die Politiker dies vermitteln – Merkel, Schäuble, Hollande, Juncker, Dijsselbloem, Lagarde –, haben die Spieler Alexis Tsipras und Giannis Varoufakis ihr Minimal-Ziel, vor den eigenen Wählern wenigstens noch halbwegs gut dazustehen, zu einem denkbar hohen Preis erreicht. Sie leisten dem Eindruck Vorschub, dass Politik ein einziges Geschacher ist, in dem es nicht um Werte geht, sondern einzig um Devisen und Kredite. Aber der dafür von allen Bürgern der EU zu entrichtende Zins ist nicht allein eine Angelegenheit der Banken.

          Draufgezahlt wird mit der Überzeugung, dass Europa für Frieden, Demokratie und Freiheitsrechte steht und für eine Solidarität, die nicht bedeutet, dass einer allen anderen die Probleme vor die Füße wirft, die er selbst nicht in den Griff bekommt. Für den griechischen Finanzminister Giannis Varoufakis, der sich als Wirtschaftswissenschaftler bestens mit der Spieltheorie auskennt, ist das alles jedoch nur eine Frage des Pokerface: Wer zuerst zuckt, hat verloren. Man kann auch gewinnen ohne ein einziges As im Ärmel. Wobei die von ihm bevorzugte Variante angeblich das sogenannte „Gefangenendilemma“ ist: Zwei Parteien haben eigentlich ein gemeinsames Ziel, wissen aber nicht, was die jeweils andere tut, und fürchten, ins Hintertreffen zu geraten. Wer den anderen verrät, holt für sich vielleicht wenigstens noch einen kleinen Vorteil heraus. Kein Wunder, dass zuletzt der Verdacht keimte, Tsipras und Varoufakis hätten nie etwas anderes als den „Grexit“ im Sinn gehabt und wollten diesen so gestalten, dass sie am Ende alle Verantwortung von sich weisen können. Kein Wunder aber auch, dass sich die Bürger Politik als derartiges Spiel nicht mehr mitansehen wollen. Und das ist dann der Moment, in dem sich jemand wie Wladimir Putin als Retter ins Spiel bringt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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