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Griechenland : Blindes Hellas

  • -Aktualisiert am

Hunderte Scheinblinde haben auf der westgriechischen Insel Zakynthos mit falschen Angaben staatliche Renten kassiert. Ein Bürgermeister, der ihr Treiben entlarvte, wurde dafür mit Eiern und Joghurt beworfen.

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          Die Insel Zakynthos an der Westküste Griechenlands trägt seit einigen Wochen in den griechischen Medien den poetischen Beinamen „Insel der Blinden“. Anlass der Benennung war die Kontrolle, die der neue griechische Staatssekretär im Gesundheitsministerium in diesem Frühling anordnete: Warum sollten unter den 35000 Einwohnern von Zakynthos an die siebenhundert Blinde leben und für ihre Behinderung eine staatliche Rente kassieren?

          Zertifikate von korrupten Augenärzten

          Zum Termin beim neuen Amtsarzt erschienen nur etwa hundert Betroffene; bei siebzig von ihnen konnte man Sehschwäche konstatieren. Das entspricht ziemlich genau dem europäischen Durchschnitt. Die anderen neunzig Prozent Schwindelblinde sind auf das Konto griechischer Verhältnisse zu buchen: ein korrupter Augenarzt, der für falsche Zertifikate kassiert; ein nicht minder korrupter Bürgermeister, der sich mit dem Abzeichnen der Rentenbescheide Wählerstimmen sichert.

          Der neue Bürgermeister Stelios Bozikis, der Schluss machte mit bequemen Monatsrenten von mindestens 350 Euro, erntete von den Bürgern freilich keine Dankbarkeit: Bei einer Sitzung wurde das Rathaus von erbosten Sehenden gestürmt und der Politiker mit Eiern und Joghurt beworfen. Damit gleicht die Lage in Zakynthos derjenigen in Gesamthellas.

          Die Insel kennt seit der Antike eine glorreiche Geschichte mit venezianischen Seehelden, dem italienischen Dichter Ugo Foscolo und seinem griechischen Kollegen Dionysios Solomos; Erzbischof Chrysostomos und Bürgermeister Carrer verhinderten heroisch die Deportation der Juden durch die SS. Bis heute bietet Zakynthos, 1953 von einem Erdbeben verwüstet, Schutz für seltene Meeresschildkröten.

          Ein Gemeinwesen ohne Würde

          Doch was sind diese stolzen Reminiszenzen gegen fünfzehntausend illegale Villen in Naturschutzgebieten? Wie soll ein Gemeinwesen funktionieren, in dem es 6,2 Millionen Quadratmeter bebauten Grund gibt, von dem jedoch für nicht einmal drei Millionen Quadratmeter Steuern entrichtet werden? Woher soll das Geld für Infrastruktur kommen, wenn zahlreiche Bürger ihren Strom illegal aus der öffentlichen Leitung zapfen?

          Zakynthos, dessen echte Blinde sich jetzt schämen, aufs Festland zu reisen und dort verspottet zu werden, belegt die komplette Dekadenz eines alimentierten Gemeinwesens ohne Würde, ohne Lebenskraft, ohne andere Hoffnung als die endlose Fortsetzung der Fütterung. Für Historiker einer kollabierenden Zivilisation und Soziologen des Wohlfahrtsstaates bietet Zykanthos, bietet ganz Griechenland einen idealen Anschauungsunterricht: Noch schlimmer als Armut ist die träge und blinde Abhängigkeit vom Wohlstand anderer.

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