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Gipfelpleite : Greta und die Rangierbahnhöfe der Klimapolitik

Greta Thunberg auf dem Klimagipfel in Madrid. Bild: AFP

Die globale Klimapolitik springt fast aus dem Gleis, und Greta Thunberg flirtet auf der Heimfahrt im ICE mit der Deutschen Bahn: unser Rückblick auf die Irrfahrten des Klimagipfels.

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          Man muss nicht mit dem Zug von Spanien nach Schweden fahren. Aber man kann es. Greta Thunberg hat am Samstag die Route über Deutschland gewählt. Und wenn wir die Umstände richtig deuten, unter denen sie ihren Tweet („Endlich nach Hause“) aus einem überfüllten ICE abgesetzt hat, im Gang kauernd zwischen Koffern und Rucksäcken, total entgeistert nach einer überflüssigen halben Weltumsegelung bis Chile und zurück und nach einem noch viel zermürbenderen Klimagipfel, dessen unwürdiges Ende sie nicht einmal miterlebte, darf sich Deutschland sogar einiges darauf einbilden.

          Werblich jedenfalls hätte der Trip der Sechzehnjährigen für die Deutsche Bahn einige Anknüpfungspunkte bieten können, wenn die Bahn es nicht ihrerseits mit einer peinlichen Twitter-Injurie verbockt hätte. Greta hat ihr Möglichstes getan und die Eigenanzeigen der Bahn im Durchgang („Mit Komfort-Check-in“ und „Einsteigen und genießen: die neue Bordgastronomie“) so perfekt ins Bild gesetzt, dass ironische Hintergedanken beim Betrachten unvermeidlich waren. Dass andererseits in dem Moment, als dieses Bild entstand, der Klimagipfel beinahe schon dreißig Überstunden im Gange und im Begriff war, endgültig aus den Gleisen zu springen, ging im verständlichen Heimweh auch bei ihr unter. Sie enthielt sich auf der Fahrt böser Kommentare.

          Die Würdigung war später all denen vorbehalten, die sich den in Madrid erzielten Klimakompromiss nicht schönreden lassen wollten. Der geheuchelte Kompromiss von Madrid lautet Stillstand: die Vertagung der notwendigen Entscheidungen auf den nächsten Klimagipfel im nächsten Jahr in Glasgow. Nicht einmal die wichtigen Hausaufgaben für das Pariser Regelbuch haben die Klimadelegierten geschafft. Was ist daran besser als tageweises Schulschwänzen für die Aussicht auf eine ökologisch stabile, eigene Zukunft? Das Schlimmste wäre, hatte Greta in ihrer Eingangsrede das Ergebnis vorweggenommen, wenn es am Ende so aussähe, als würde etwas getan, aber in Wirklichkeit nichts vorangehe. Einfach zu erkennen ist das Muster, wenn wie in Kopenhagen vor zehn Jahren auch diesmal wieder am Ende sogar die Saboteure in den Chor einstimmen: „Enttäuschend“, „frustrierend“ – aber die Richtung stimme, der Pariser Klimavertrag sei nicht tot, immerhin.

          In der Tat: Der Zug fährt weiter. Doch die Delegierten, die Trump nach Madrid geschickt hatte, um das Gleisbett zu unterspülen, machen ganze Arbeit. Trump macht eben kaputt, was er kaputtmachen kann.

          So mag das alte fossile System vielleicht brüchig geworden sein. Auf dem Rangierbahnhof der Klimagipfel jedoch lässt man es fürs gemeinsame Abschlussfoto am liebsten so aussehen, als ginge die Welt weiter wie bisher.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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