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Edo Reents (edo.)

Grausamer Monat : April? April!

  • -Aktualisiert am

Von wegen „sonnenverwöhnt“! Die hinterlistige Wetterlage wirkt in diesem April fast höhnisch. Bild: dpa

Man arbeitet schlecht im Frühling, dafür lebt man besser – normalerweise. Aber dieser grausame April konnte selbst die auf alle Wechselfälle des Lebens Vorbereiteten noch mit seinem fiesen Wetter überraschen.

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          Für Pessimisten, für Lebens- und Weltverneiner ist eigentlich jeder Monat grausam; ihnen ist auch mit des Frühlings blauem Band und noch so prächtiger Maienblüte nicht zu helfen. Es ist ihnen einfach nicht recht, wenn das Knospen und Sprießen, das Wachsen und Gedeihen, ja, das Leben selbst jedes Jahr wieder von vorne anfängt – zu stark ist der Kontrast, den es zu ihrem eigenen Innern, das sich nur schwer aus der Reserve locken lässt, darstellt.

          „Man arbeitet schlecht im Frühling, gewiss, und warum? Weil man empfindet.“ Tonio Kröger hat es vor einem guten Jahrhundert miesepetrig auf den Punkt gebracht und damit dem Ruf, den der Frühling in der hohen wie in der volkstümlichen Kultur traditionellerweise hat, schon mal erste Kratzer verpasst. Den Rest besorgte T.S. Eliot mit der Ouvertüre zu „The Waste Land“: „April is the cruellest month“.

          Ein auch seelisches Frösteln

          Gar grausam ist’s in der Tat, dem, der verkümmert, immer wieder unter die allergisch juckende Nase zu halten, was er alles, auf ewig davon abgeschnitten, verpasst und im Grunde auch gar nicht für ihn vorgesehen ist. So weit, aus berufenen Mündern, die kulturkritischen Auslassungen zu einer überschätzten Jahreszeit, die zumindest denen, die Kontrasterfahrungen zu den intensivsten zählen, die das Leben so bereithält, einleuchten müssten.

          Sehen wir uns den April, und zwar speziell diesen April, einmal genauer an, dann bemerken wir zunächst seine ausgesprochen sonnige Anmutung, die nun schon eine ganze Weile Bestand hat und die Sanguiniker zu der Annahme verleiten könnte, das Leben wäre am Ende wirklich schön. Aber von wegen „sonnenverwöhnt“! Diese hinterlistige Wetterlage nimmt bei schwarzgalliger Betrachtung einen geradezu höhnischen Charakter an, indem sie eben so dermaßen im Widerspruch zur eigenen Gemütslage steht: Alles erwacht – und ich? Ein einziges Ödland. Darauf wochenlang aufmerksam gemacht zu werden, erfüllt, so schön das Wetter vordergründig auch sein mag, zweifellos den Tatbestand seelischer Grausamkeit.

          Jedoch ist dieser ganz spezielle April noch aus einem anderen Grund grausam: Der vor allem morgens eiskalte Wind hört und hört nicht auf. Nicht nur, dass man gar nicht mehr weiß, was man anziehen soll, indem man zum Nachmittag hin doch allen Ernstes ins Schwitzen gerät – diese Luftströmung aus Nordost macht einen trotz gleißender Sonne seelisch frösteln, wie es sonst nur der Tod vermag. Was also anfangen mit den noch verbleibenden April-Tagen? Bitten wir den Wettergott, doch recht bald ein Atlantik-Tief herauszurücken, dann ist wenigstens uns Pessimisten wohler und, wer weiß, auch wärmer.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

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