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Grass trifft Steinbrück : Wer hat es so bequem wie ich?

So schön war die Zeit mit Willy Brandt: Peer Steinbrück und Günter Grass in Berlin Bild: Andreas Pein

In Teilen vergesslich: Günter Grass diskutiert in Berlin mit Peer Steinbrück. Hier gibt der Schriftsteller noch immer den Bürgerschreck.

          3 Min.

          Wellenbrecher“, das ist auch so ein Wort. Oder „Bürgerschreck“. Und „Anarchist“, das fällt ebenfalls an diesem Abend im Berliner Willy-Brandt-Haus, der sozialdemokratischen Parteizentrale. Im Schatten der Büste des einstigen Bundeskanzlers sitzen drei Männer auf der Bühne, einer von ihnen ist Günter Grass, der Literaturnobelpreisträger von 1999: Cordhose wie immer, roter V-Ausschnitt wie immer, Jackett wie immer, Schnauzbart wie immer, Rotwein wie immer, alles wie immer, auch das Eigenlob.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die zwei anderen Männer unter der Büste Brandts sind Wolfgang Thierse, der Moderator - und der aktuelle Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück, der mit Grass über dessen Korrespondenz mit Willy Brandt reden soll. Zwei Schauspieler, Dieter Mann und Burghardt Klaußner, lesen Briefe der beiden aus den Jahren 1965 bis 1977: unter anderem, wie der Schriftsteller dem Politiker seine Hilfe anbietet, im Wahlkampf und auch später, als Brandt zum Bundeskanzler gewählt wird. Er müsse dafür ja nicht verbeamtet werden, das sei jawohl klar, liest Klaußner als Grass. Aber irgendeinen repräsentativen Posten müsse es da doch geben, sein Renommee im Ausland sei ja sehr groß.

          Die schwierige Suche nach einem Nachfolger

          Und Brandt, der zwar, anders als Helmut Schmidt, ein paar Visionen hatte, wie er sein Land vielleicht verändern könnte, aber immer ein Pragmatiker war, auch seine neue Ostpolitik war ja im Grunde pragmatisch: Dieser Brandt antwortet seinem „kritischen Freund“ (Grass über Grass) geduldig, mal näher, mal von weiter entfernt. Grass schickt Dutzende Ratschläge, was zu tun sei - der Briefwechsel ist zwölfhundert Seiten lang -, Brandt antwortet meistens mit Terminvorschlägen, Einladungen, Verabredungen, Vertagungen. Am Ende, nach Brandts Rücktritt 1974, tritt auch Grass zurück, schreibt ihm das auch, als gäbe es da ein Amt, das er je innegehabt hätte.

          Das hatte er tatsächlich, bis heute, auch an diesem Abend im Willy-Brandt-Haus, wo er sich gemeinsam mit Wolfgang Thierse darüber Gedanken macht, warum kein junger Schriftsteller es ihm endlich, endlich abnimmt (als ob Grass das wirklich wollte): das Amt des Bürgerschrecks, Anarchisten und Wellenbrechers vom Dienst und von eigenen Gnaden. „Ich hoffe“, sagt Günter Grass am Ende zu Peer Steinbrück, „dass ich Ihnen heute Abend so unbequem gewesen bin, wie ich es einst Willy Brandt gewesen war.“

          Die Bundeswehr als „Söldnertruppe“

          Man hatte bis dahin aber vielmehr den Eindruck gewonnen, dass Grass dem Kanzlerkandidaten wahrscheinlich doch eher ziemlich egal ist, ja, dass der ihn vor allem originell findet: Als Grass behauptet, jeder junge Schriftsteller, der zu ihm nach Lübeck komme, würde anschließend in der F.A.Z. nur noch verrissen, das sei einer der Gründe, warum keiner sich in der Politik engagiere, lacht Steinbrück und schaut ins Publikum, als suche er dort nach Verbündeten, die das in seiner Egomanie ähnlich kurios finden wie er. Aber im Publikum sitzen vor allem „Willy wählen!“-Veteranen, die schnauben, wann immer der Name Merkel fällt. Oder Adenauer. Oder Springer. Draußen ist 2013, hier drinnen ist 1969, und dieser Wahlkampf jedenfalls schon mal gewonnen.

          Unter Freunden: Günter Grass und Peer Steinbrück bei der gemeinsamen Autogrammstunde
          Unter Freunden: Günter Grass und Peer Steinbrück bei der gemeinsamen Autogrammstunde : Bild: picture alliance / BREUEL-BILD

          Am Morgen danach kursieren die Sätze des Abends im Netz: dass Grass zum Beispiel die Bundeswehr als „Söldnertruppe“ bezeichnet, die danach „hungert, bei Auslandseinsätzen verbraten zu werden“, worauf ihm Steinbrück ziemlich deutlich klarmacht, was für ein Unsinn das sei, auch, weil immer noch der Bundestag über die Einsätze entscheide und die Truppe gerade erst im Hochwasser geholfen habe. Als Grass aber Angela Merkels Mitgliedschaft sowohl in der FDJ als auch im Kabinett von Helmut Kohl offenbar gleichermaßen gefährlich für die Bundesrepublik findet, bleibt das unwidersprochen, da haben alle drei offenbar die gleichen Gegner.

          An der SS-Sache führt kein Weg vorbei

          Und als sich Grass in gespielter Entrüstung über sein Gedächtnis beklagt, es sei einfach schrecklich mit ihm, ruft er in den Saal: „Ich habe so ein Gedächtnis, ich kann nicht vergessen“ (es ging um die Stimmen der NPD für den christdemokratischen Bundespräsidentschaftskandidaten 1969), da verstrich so ein Moment, der wirklich unbequem gewesen wäre, und nicht nur behauptetermaßen. Da hätte ihn der Moderator Thierse fragen können, wie es mit diesem Wahnsinnsgedächtnis stand, als es um die Mitgliedschaft des jungen Grass in der SS ging. Oder ist das so mit den Unbequemen: Mal passt es, mal nicht?

          Aber am Ende ist es so wie in den vergangenen Jahren oft bei Grass: Man geht da hin und will auch gar nicht immer an die SS-Sache denken, weil es ja auch wirklich mal um Politik und Literatur gehen könnte oder, wie jetzt, um Willy Brandt, der reden und schreiben konnte wie kaum ein zweiter deutscher Politiker - aber dann stößt einen Grass selbst mit seiner ganzen Art doch wieder drauf, auf die alten Geschichten.

          Und überhaupt, all dieses Gerede vom Querdenken, vom Unbequemen - als wäre die Politik ein Sofa, auf dem es sich die anderen gemütlich machen wollen, nur Grass nicht, der sitzt dauernd auf einem Nagelbett, er war ja auch oft in Indien. Man ist also chancenlos und schaut dem Nobelpreisträger dabei zu, wie er noch einmal sein Selbstverständnis vorführt und beklatscht wird dafür: der unkritisierbare Kritiker zu sein. Das Anti-Establishment-Establishment. Grass ist oft witzig in seinen Briefen an Brandt, Burghardt Klaußner trägt das toll vor, aber dieser Witz ist der eines Menschen, der immer selbst entscheiden will, wann über ihn gelacht werden darf.

          Eine der Antworten auf die Frage, warum kein junger Schriftsteller Grass von seinem Nagelbett stoßen will, das in Wirklichkeit doch ein Thron ist, könnte lauten: Weil die Selbstgewissheit fehlt, von sich selbst so zu reden, wie Grass das tut - Bürgerschreck, Querdenker, Wellenbrecher. Es liegt nicht an der Ironie, die angeblich alles so vergiftet, dass kein Mensch von heute sich mehr auf irgend etwas festlegen will, im Gegenteil: Genau sie ist es, die verhindert, dass man glaubt, von sich selbst so reden zu dürfen. Das ist ein Fortschritt.

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