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Grass trifft Steinbrück : Wer hat es so bequem wie ich?

Unter Freunden: Günter Grass und Peer Steinbrück bei der gemeinsamen Autogrammstunde
Unter Freunden: Günter Grass und Peer Steinbrück bei der gemeinsamen Autogrammstunde : Bild: picture alliance / BREUEL-BILD

Am Morgen danach kursieren die Sätze des Abends im Netz: dass Grass zum Beispiel die Bundeswehr als „Söldnertruppe“ bezeichnet, die danach „hungert, bei Auslandseinsätzen verbraten zu werden“, worauf ihm Steinbrück ziemlich deutlich klarmacht, was für ein Unsinn das sei, auch, weil immer noch der Bundestag über die Einsätze entscheide und die Truppe gerade erst im Hochwasser geholfen habe. Als Grass aber Angela Merkels Mitgliedschaft sowohl in der FDJ als auch im Kabinett von Helmut Kohl offenbar gleichermaßen gefährlich für die Bundesrepublik findet, bleibt das unwidersprochen, da haben alle drei offenbar die gleichen Gegner.

An der SS-Sache führt kein Weg vorbei

Und als sich Grass in gespielter Entrüstung über sein Gedächtnis beklagt, es sei einfach schrecklich mit ihm, ruft er in den Saal: „Ich habe so ein Gedächtnis, ich kann nicht vergessen“ (es ging um die Stimmen der NPD für den christdemokratischen Bundespräsidentschaftskandidaten 1969), da verstrich so ein Moment, der wirklich unbequem gewesen wäre, und nicht nur behauptetermaßen. Da hätte ihn der Moderator Thierse fragen können, wie es mit diesem Wahnsinnsgedächtnis stand, als es um die Mitgliedschaft des jungen Grass in der SS ging. Oder ist das so mit den Unbequemen: Mal passt es, mal nicht?

Aber am Ende ist es so wie in den vergangenen Jahren oft bei Grass: Man geht da hin und will auch gar nicht immer an die SS-Sache denken, weil es ja auch wirklich mal um Politik und Literatur gehen könnte oder, wie jetzt, um Willy Brandt, der reden und schreiben konnte wie kaum ein zweiter deutscher Politiker - aber dann stößt einen Grass selbst mit seiner ganzen Art doch wieder drauf, auf die alten Geschichten.

Und überhaupt, all dieses Gerede vom Querdenken, vom Unbequemen - als wäre die Politik ein Sofa, auf dem es sich die anderen gemütlich machen wollen, nur Grass nicht, der sitzt dauernd auf einem Nagelbett, er war ja auch oft in Indien. Man ist also chancenlos und schaut dem Nobelpreisträger dabei zu, wie er noch einmal sein Selbstverständnis vorführt und beklatscht wird dafür: der unkritisierbare Kritiker zu sein. Das Anti-Establishment-Establishment. Grass ist oft witzig in seinen Briefen an Brandt, Burghardt Klaußner trägt das toll vor, aber dieser Witz ist der eines Menschen, der immer selbst entscheiden will, wann über ihn gelacht werden darf.

Eine der Antworten auf die Frage, warum kein junger Schriftsteller Grass von seinem Nagelbett stoßen will, das in Wirklichkeit doch ein Thron ist, könnte lauten: Weil die Selbstgewissheit fehlt, von sich selbst so zu reden, wie Grass das tut - Bürgerschreck, Querdenker, Wellenbrecher. Es liegt nicht an der Ironie, die angeblich alles so vergiftet, dass kein Mensch von heute sich mehr auf irgend etwas festlegen will, im Gegenteil: Genau sie ist es, die verhindert, dass man glaubt, von sich selbst so reden zu dürfen. Das ist ein Fortschritt.

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