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Grass diskutiert mit Steinbrück : Bedingt eingriffsbereit

Im Rücken Willy Brandt: Peer Steinbrück und Günter Grass gestern Abend in der SPD-Zentrale in Berlin. Bild: dpa

Könnte der SPD-Kanzlerkandidat den Literaturnobelpreisträger noch für sein Kompetenzteam gebrauchen? Der Abend im Berliner Willy-Brandt-Haus ließ daran Zweifel.

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          „Ich hoffe“, sagte Günter Grass am Ende seines Auftritts im Berliner Willy-Brandt-Haus, „dass ich Ihnen heute Abend so unbequem gewesen bin, wie ich es einst Willy Brandt gewesen war.“ Da hatte der Literaturnobelpreisträger schon eine gute Stunde lang neben dem sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück auf der Bühne gesessen und über seine Rolle als „Bürgerschreck“ der Bundesrepublik Deutschland gesprochen – ganz so, als hätte er diese Rolle nicht längst selbst zum Amt gemacht, das immer eingriffsbereit ist. Eingriffsbereit zum Beispiel, um die Bundeswehr nach der Abschaffung der Wehrpflicht eine „Söldnerarmee“ zu nennen, die danach „hungert, bei Auslandseinsätzen verbraten zu werden“.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Worauf Peer Steinbrück ihn daran erinnerte, dass immer noch der Bundestag als Souverän über die Einsätze entscheide – ohne dafür aber genauso viel Applaus zu erhalten wie Grass zuvor. Das war beunruhigend. Eingriffsbereit war Grass aber auch, um Angela Merkel die Mitgliedschaft bei der FDJ wie im Kabinett von Helmut Kohl als „gesamtdeutsche Ausbildung“ zur Anpassung einerseits und Machtausübung andererseits vorzuhalten, also zur politischen Bequemlichkeit höchster Perfidie sozusagen.

          Im Kreis der „Willy wählen!“-Veteranen

          Der Abend im Willy-Brandt-Haus hatte mit einer Lesung aus dem Briefwechsel des Literaturnobelpreisträgers Grass mit dem Friedensnobelpreisträger Brandt begonnen, der unlängst im Steidl-Verlag erschienen ist: Dieter Mann und Burghardt Klaußner lasen mit verteilten Rollen, der Politiker immer freundlich, aber auch klar seiner Sache – Politik als Feilen am Kompromiss; der Schriftsteller dagegen immer wieder neu nach einem Posten an der Seite Brandts fragend, selbstironisch auch, aber so, dass man merkte, dass er, Grass, es immer noch ist, der Witze über sich selbst machen darf.

          Nach Brandts Rücktritt vom Kanzleramt 1974 tritt auch Grass zurück. Er schreibt das sogar an Brandt. Vom Amt des Unbequemen, vermutlich. Man wurde an diesem Abend, umgeben eher von „Willy wählen!“-Veteranen als von jungen Leuten, den Eindruck nicht los, dass der aktuelle Kandidat der SPD diesen selbsternannten Unbequemen an seiner Seite im Augenblick vermutlich am wenigstens gebrauchen könnte für seinen Kampf ums Kanzleramt. Steinbrück und Grass waren sich zwar einig darin, dass „die Medien“ neuerdings in ihrer Kritik die Grenze zur Verachtung weit überschritten hätten, so weit, dass es fast die Demokratie gefährde oder jedenfalls das Ansehen der politischen Klasse (oder jener der amtlich unbequemen Schriftsteller der Bundesrepublik).

          Aber Steinbrück lebt doch deutlich im Jahr 2013 und weiß – das nannte er als Beispiel –, dass er sich mit den eigenen Leuten anlegt, wenn er mehr Geld für Bildung ausgeben will, weil das auf Kosten auch der sozialen Systeme gehen könnte. Grass dagegen sehnt sich nach der klaren Verteilung der Welt zurück. Nach früher. Und Thierse hakte kaum nach, auch nicht, als Grass bekannte, es sei einfach schrecklich mit ihm, Grass: „Ich habe so ein Gedächtnis, ich kann nicht vergessen.“ Grass sprach da von der Bundespräsidentenwahl 1969, die Gustav Heinemann von der SPD gewann und Gerhard Schröder von der CDU verlor, auch wenn er Stimmen der NPD bekam.

          „Man muss daran erinnern,“ rief Grass in den Saal. Und wer in diesem Saal dachte da nicht an das späte Bekenntnis des Autors der „Blechtrommel“, Mitglied der SS gewesen zu sein? Da verstrich wieder so ein Moment. Steinbrück und Grass fremdelten bis zum Schluss, freundlich zwar, aber doch irgendwie nicht richtig interessiert aneinander. Das könnte allerdings mal eine gute Nachricht aus dem Wahlkampf von Peer Steinbrück sein.

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