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Grandbrothers im Porträt : Die Spannweite eines einzelnen Flügels

  • -Aktualisiert am

Bloß nicht zu viel Ehrfurcht vor diesem Instrument: Erol Sarp und Lukas Vogel (rechts) haben sich die sehr eigene Variante eines Hammerklaviers gebaut. Hörprobe: „Wuppertal“ Bild: Julian Klapp

Schlag nach bei John Cage: Aus ihrem präparierten Instrument holen die Grandbrothers zwischen kontemporärer Klaviermusik, Perkussion und Electronica das Letzte heraus – ein Hörtest in Bochum.

          Es ist schon ein wenig überraschend, dass die Grandbrothers ihren Flügel derzeit in einer Bochumer Wohnung stehen haben. Zwei aufregende, vielversprechende Debütanten der zeitgenössischen Klaviermusik wie Erol Sarp und Lukas Vogel vermutet man nicht unbedingt in dieser Stadt. „Bochum war ein Ort, der irgendwo in der Mitte von allem war, daher die Entscheidung“, sagen sie, während sie über eine Brücke gehen, von der aus man über eine weite Wiese schauen kann.

          Die Grandbrothers gibt es seit Ende 2011, kennengelernt haben sie sich während ihres Ton- und Bildtechnikstudiums in Düsseldorf. Das merkt man auch ihrem musikalischem Zugang an, der ein gutes Stück über das rein Tonale hinausgeht. Sie machen kontemporäre Klaviermusik, die sehr von den experimentellen Größen des Genres, aber auch von neuer, elektronischer Musik geprägt ist, und stehen für eine erstaunliche Verbindung Analogem und Digitalem. Sie schaffen es, dass sich ein Flügel wieder aufregend und abenteuerlich anhört. Doch es steht bei ihnen die Hörbarkeit der Musik im Mittelpunkt, nicht das Konzept.

          Erol Sarp, gebürtiger Wuppertaler mit türkischen Wurzeln, kam schon im Alter von fünf Jahren ans Klavier; Lukas Vogel ist in Zürich aufgewachsen, er sitzt an den Reglern, die mit dem Flügel verbunden sind und die eingebaute Mechanik steuern. Zwei angenehm zurückgelehnte Schelmen-Typen sind das, die brüderliche Witze übereinander machen.

          „Unsere Soundchecks sind der Schrecken aller Veranstalter. Wenn wir aufbauen, dann brauchen wir ungefähr zwei Stunden, das finden die meisten Veranstalter natürlich nicht so gut“, sagt Sarp, der mittlerweile hinter dem Flügel in der Bochumer Wohnung steht und den Tastendeckel öffnet. „Sie haben ja meistens auch schon den Flügel gestellt, und wir hämmern zusätzlich noch darauf rum“, ergänzt Vogel, während er ein paar Kabel in die Apparaturen am Tisch daneben steckt, der aussieht wie eine Kommandozentrale.

          Auf halbwegs übliche Weise

          Das Konzept des präparierten Klaviers ist seit John Cage natürlich nichts Neues, doch haben die Grandbrothers einen ganz praktikablen Dreh gefunden, es zu modernisieren und damit großartige und nicht nur verkopfte Musik zu machen. Um den Flügel ist ein Gerippe aus Stangen und Gurten festgezogen, an dem Kabel, Mikrofone und rund zwanzig elektromechanische Hämmer befestigt sind. Die Hämmer schlagen während der Lieder in zusätzlichen Rhythmen auf die Saiten, den hölzernen Korpus und die in ihm enthaltene Mechanik, während Sarp den Flügel auf halbwegs übliche Weise spielt. Durch dieses Zusammenspiel von Innen und Außen ergeben sich ungewohnte Klangstrukturen. Manchmal denkt man an ein Cembalo, dann wieder an rein elektronische Musik mit einem Synthesizer, doch jeder Klang stammt aus dem Flügel.

          Wenn die Grandbrothers ihn fertig präpariert haben, wirkt er zwischen Kabeln und Technik wie ein Patient, der an lebenserhaltende Maschinen angeschlossen ist. „Die Hämmer mussten wir selbst bauen, weil es sie nicht so gab, wie wir sie wollten“, sagt Lukas Vogel. „Und das Programm, mit dem Lukas sie vom Laptop aus steuert, musste er auch selbst schreiben. Wir hatten bei unseren Proben eine Idee, und bis zum nächsten Mal hatte Lukas das Ding dann fertig. Und ich musste mich zum Glück nur noch hinsetzen und spielen“, sagt Erol Sarp und lacht.

          Den Flügel zum Leben erwecken

          Der kapriziöse Pianist Chilly Gonzales, der auf philharmonischen Bühnen in Bademantel und Hausschuhen auftritt und immer ein wenig wahnhaft wirkt, sieht Klavier und Flügel als perkussive Instrumente. Während man bei einer Gitarre oder einem Bass Ton und Saitenschwingung schon im Moment des Spielens verändern kann, indem man nach dem Anschlag die Saite ein wenig dehnt, kann man das beim Klavier oder beim Flügel nicht. Hier verhält es sich wie beim Schlagzeug: Der Ton einer Trommel ist relativ statisch und ohne Präparation nicht wirklich veränderbar. Auch der Ton einer Klaviertaste bleibt bis auf Nuancen eben dieser eine Ton. Gonzales attestiert dem Flügel darum eine enorme Leblosigkeit, gegen die er jedes Mal neu ankämpfe – im Grunde eine Liebeserklärung.

          Einen ähnlichen Ansatz verfolgen die Grandbrothers: „Wir wollten herausfinden, wie viele Klänge und wie viel Ungewohntes man aus einem Flügel herausholen und wie weit man von außen in ihn eingreifen kann, um damit Musik zu machen.“ Einen Flügel behandele man oft viel zu ehrfürchtig. Das merkt man, wenn man sich die Ergebnisse auf „Dilation“, dem Debütalbum der beiden, anhört: Der Tastendeckel geht auf, Erol Sarp holt noch einmal Luft, die ersten Töne nehmen gewissermaßen Anlauf. Wir befinden uns im „Prologue“, dem ersten Song eines kolossalen Albums.

          Es zeigt, wie weit ein Flügel auch absolut heutigen Hörgewohnheiten entgegenkommen kann. Man hört während der zwölf Stücke auf „Dilation“ die breite musikalische Sozialisierung der beiden Grandbrothers, die Ambient, Jazz, Hip-Hop, Electronica und die klassische Komposition mit einbeziehen und all dies gegeneinander ausspielen.

          Resolut, überfallartig

          In ihrem Stil steckt das Paradox eines Minimalismus, der Geschichten erzählt, ohne dafür Worte zu brauchen. Wenn man die Grandbrothers zum ersten Mal hört, fällt einem kurioserweise erst beim dritten oder vierten Song auf, dass sie auf Gesang verzichten. Das Instrumentalalbum ist so abwechslungsreich wie vielschichtig – schwer vorstellbar, dass nur zwei Menschen dahinterstehen. Die resoluten, überfallartigen Songs wie „Ezra Was Right“ und „Arctica“ oder das laszive „5 gegen 1“ führen Melodien in sich, von denen man sich fragt, warum es sie eigentlich nicht schon lange vorher gab.

          „Dilation“ ist gerade auf dem jungen Label FILM erschienen. „Uns war es sehr wichtig, bei einem kleinen Label unterzukommen, damit wir alle Entscheidungen, die uns am Herzen liegen, auch wirklich selbst treffen können“, sagt Erol Sarp auf der Bochumer Brücke. Es scheint, als hätten die beiden bislang alles richtig gemacht.

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