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Bestenliste : Zwanzig unter Vierzig

Auch Aussteiger stehen auf der „Granta”-Liste: Zadie Smith zeigt keine Zähne mehr Bild: Jerry Baur

Werbewirksam und umstritten: Alle zehn Jahre benennt die Literaturzeitschrift „Granta“ die meist versprechenden jungen Autoren Großbritanniens.

          Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Beste im ganzen Land? Die Frage ist in Großbritannien Mode. Nachdem die BBC unlängst den "größten" Briten aller Zeiten - Churchill - in einer aufwendigen Aktion ermittelt hat, die ein bedrückendes Bild des allgemeinen Geschichtsverständnisses abgab, will der Sender demnächst mit ähnlichem Rummel nach dem beliebtesten Buch forschen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Dieses Spiel betreibt die literarische Zeitschrift "Granta" allerdings schon seit 1983. Damals veröffentlichte sie eine Liste der zwanzig besten britischen Schriftsteller unter vierzig, die sich im nachhinein als enorm weitblickend erwiesen hat. Denn die Auswahl enthielt eine bemerkenswerte Anzahl von Autoren, die inzwischen fast schon als die grand old men and women der britischen Gegenwartsliteratur gelten, allen voran Salman Rushdie, Martin Amis, Ian McEwan, Kazuo Ishiguro, Graham Swift, Rose Tremain, Julian Barnes und Pat Barker.

          Die erste Liste bewegte die Verlagswelt

          Die Erwählten posierten damals für Lord Snowdon wie auf einem Mannschaftfoto. Sein Gruppenbild, ein Klassiker des Genres, ist das Porträt einer Generation, so verschieden die einzelnen Figuren im Ausdruck auch sind. Plötzlich wurden diese Einzelgänger zum Team. Auf dieses Foto mag auch der Trend zurückzuführen sein, dem Image des Schriftstellers etwas von dem Glamour zu verleihen, in dem sich sonst eher Filmstars sonnen. Schreiben ist "in", lautet die Botschaft. Auf jeden Fall schossen nach dieser Werbeaktion von "Granta" die Vorschüsse, die Autoren wie etwa Amis erwarten konnten, derart in die Höhe, daß kleine Verlage kaum noch mithalten konnten. Die tiefgreifende Umstrukturierung des Verlagswesens zugunsten der großen Konglomerate rührt nicht zuletzt daher.

          Zehn Jahre später hat "Granta" das Experiment wiederholt. 1993 aber präsentierte die Zeitschrift einen etwas weniger glamourösen Jahrgang, auch wenn einige mittlerweile etablierte Namen wie Ben Okri, Lawrence Norfolk, A. L. Kennedy, Will Self, Jeanette Winterson, Hanif Kureishi, Caryl Phillips, Tobor Fisher und Louis de Bernières dabei waren.

          Girlanden können zu Mühlsteinen werden

          Wie prekär solche Prognosen über die Entwicklungsmöglichkeiten von Jungtalenten mitunter sind, zeigt das Beispiel Adam Livelys, der seit "Sing the Body Electric", mit dem er sich seinen Platz auf der "Granta"-Liste von 1993 verdiente, keinen Roman mehr veröffentlicht hat. Auch in der Auswahl von 1983 befanden sich Autoren, die die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt haben. Wer kennt heute etwa noch Buchi Emecheta oder Ursula Bentley? Wie die "Times" jetzt hervorhob, können "die Girlanden, die jungen Hälsen umgehängt werden, mit den Jahren so schwer wie Mühlsteine werden". Es gibt sogar einen Roman, "Kill Your Darlings", über die verhängnisvolle Auswirkung der Liste von 1983 auf den fiktiven Schriftsteller Gregory Keays. In dem Buch, halb Krimi, halb Satire über den Literaturbetrieb, stiehlt Keays das Manuskript eines Toten, um sich zu rehabilitieren.

          Aber die Kritik hat "Granta" nicht davon abgehalten, auch in diesem Jahr wieder das Werbespiel zu spielen. Die Namen der zwanzig besten jungen Autoren sind gerade bekanntgemacht worden. Bislang unveröffentlichte Auszüge aus ihrem Werk sollen im April in der Frühjahrsnummer der Zeitschrift erscheinen. Auch diesmal sind bekannte Namen dabei, darunter A. L. Kennedy, Rachel Cusk, Philip Hensher und der Jungstar Zadie Smith, die nach der gemischten Aufnahme ihres zweiten Romans, "The Autograph Man", verkündete, daß sie keine Romane mehr schreiben wolle. Inzwischen hat sie sich nach Amerika verabschiedet, wo sie nun ein Zweitstudium angetreten hat. Mit von der Partie sind auch die für den Booker-Preis erwogenen Autoren Andrew O'Hagan und Sarah Waters, deren lesbische Affären aus dem viktorianischen London ebenso wie Smiths "White Teeth" kürzlich fürs Fernsehen verfilmt wurden.

          Kritiker vermissen Rowling

          Zwei der Autoren dürfte es nach der Veröffentlichung der "Granta"-Liste so ergehen wie Byron, der, wie er erzählte, nach dem Erscheinen seines Versepos "Childe Harold" aufwachte und berühmt war. Allerdings ist weder von der 35 Jahre alten Monica Ali noch dem fünfundzwanzigjährigen Adam Thirwell bislang ein Roman publiziert worden. Die Jury, der neben dem "Granta"-Herausgeber Ian Jack auch Robert McCrum, Literaturchef des "Observer", die Rezensentin Alex Clark, die Schrifstellerin Hilary Mantel und Nicholas Clee, Chefredakteur der Fachzeitschrift des Buchwesens, angehörten, fällte ihr Urteil anhand der von den Verlagen vorgelegten Manuskripte.

          Thirwells Beitrag "Politics" wurde von seinem Agenten als eine "Mischung aus Milan Kundera und Woody Allen" angepriesen. Ein Auszug daraus mit dem Titel "Die Kunst der Fellatio" ist in der von dem Lyriker Craig Raine in Oxford herausgegebenen Literaturzeitschrift "Areté" nachzulesen. Thirwell, ein Fellow des All Souls College in Oxford, beschreibt sein Werk als eine "Komödie über Sex, die nicht von Sex handelt". Das sei zum Teil der Witz. In Wahrheit sei es ein Buch über die Moral. Monica Alis Roman, "Brick Lane", der im Frühsommer bei Doubleday erscheint, beschreibt das Schicksal einer jungen Frau aus Bangladesch, die eine arrangierte Ehe im Londoner East End eingehen muß. Die Autorin, die in Oxford studiert hat, ist halb Bangladeschi und halb Engländerin. Die Jury soll sich einstimmig für sie ausgesprochen haben.

          Wie immer bei solchen Zusammenstellungen läßt auch diesmal die Kritik nicht lange auf sich warten. Die einen bemängeln, daß J. K. Rowling fehlt, andere wünschen sich Giles Foden auf der Liste. Und die "Times" orakelte in einem Leitartikel, wie viel sinnvoller es wäre, eine Auftstellung von zwanzig noch schreibenden Romanautoren über sechzig zu machen. Die Garantie eines gestandenen Werkes sei schließlich mehr wert als Versprechen, die möglicherweise nicht eingehalten werden.

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