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: Granada hat Spaniens erste Stammzellbank

Es ist ein besonderes Kunststück, die Embryonenforschung mit der einen Hand zu fördern und mit der anderen zu behindern. Diese Akrobatik betreibt zur Zeit das spanische Gesundheitsministerium.

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          Es ist ein besonderes Kunststück, die Embryonenforschung mit der einen Hand zu fördern und mit der anderen zu behindern. Diese Akrobatik betreibt zur Zeit das spanische Gesundheitsministerium. Einerseits hat es im vergangenen Juli ein Gesetz zur Fortpflanzungsmedizin aus dem Jahr 1988 novelliert, um die etwa zweihunderttausend spanischen "Gefrierfachwaisen" (Embryonen, die bei der künstlichen Befruchtung "übriggeblieben" sind) unter spezifischen Auflagen der Stammzellforschung zuzuführen. Andererseits versucht die Regierung, einen mit Vorsprung im Rennen liegenden Konkurrenten im eigenen Land, die Region Andalusien, bei der wissenschaftlichen Arbeit zu bremsen. Nicht nur, aber auch zu diesem Zweck hat der spanische Ministerrat soeben die Schaffung eines "Staatlichen Zentrums für Gewebeübertragung und Fortpflanzungsmedizin" beschlossen, das die Forschung auf diesen Gebieten kontrollieren soll.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die Rivalität erhielt kürzlich symbolischen Ausdruck. In Granada eröffnete der andalusische Gesundheitsreferent Francisco Vallejo die - nach London und Stockholm - weltweit dritte öffentliche Stammzellbank. Vallejos Gesicht war aber ernster, als es der freudige Tag nahegelegt hätte. Neben ihm saßen, ebenfalls mit ernsten Gesichtern, die Gesundheitsreferenten der sechs sozialistisch regierten Regionen Katalonien, Kantabrien, Kastilien-La Mancha, Asturien, Aragonien und Extremadura. Nachdem Vallejo gesprochen und die anderen sechs geschwiegen hatten, unterzeichneten die sieben Referenten eine Erklärung, in der sie sich für die konsequente Förderung der Stammzellforschung aussprachen und die Behinderungspolitik der Zentralregierung energisch zurückwiesen.

          Berufung beim Verfassungsgericht

          Madrid hat nämlich gegen das andalusische Gesetz, das die Embryonenforschung auf regionaler Ebene regelt, beim Verfassungsgericht Berufung eingelegt. Dadurch könnte ein Teil der Arbeiten, die in der Stammzellbank durchgeführt werden sollen, bis zu fünf Monate paralysiert werden. Die Andalusier wollen jetzt ihren Gesetzestext so modifizieren, daß er unangreifbar ist. Zugleich will die Regionalregierung ihrerseits gegen das novellierte Gesetz des Staates Berufung einlegen. In der absurden Möglichkeit, daß zwei komplementäre Gesetze gleichzeitig aus den Angeln gehoben werden könnten, liegt eine Metapher für den Machtkampf zwischen Zentralstaat und autonomer Region. Die Einweihung von Granada erfüllte somit einen doppelten Zweck: Sie sollte der internationalen Öffentlichkeit demonstrieren, daß die PSOE-Regierung von Andalusien, einer der ärmsten Regionen Spaniens, der avancierten Embryonenforschung alle Türen öffnet, auch jene, die nach Meinung von Kirchenkreisen, Ethikern und Teilen der konservativen Volkspartei (PP) besser verschlossen blieben; und sie war eine Widerstandsgeste in Richtung Madrid.

          Hält man sich bei solchen Gelegenheiten an die Politiker, erlebt man viel Muskelrollen, weil im März Parlamentswahlen anstehen. Aus dem Ressort der spanischen Gesundheitsministerin Ana Pastor verlautet, in der Forschung dürfe es zwischen Staat und Region "nicht zwei Geschwindigkeiten" geben, worauf Gesundheitsreferent Vallejo antwortet, das Problem tauche wohl nur deswegen auf, weil Andalusien "an erster Stelle liegt". Daneben argumentiert Madrid, die autonomen Gemeinschaften sollten sich nicht die Befugnisse des Staates anmaßen. Worauf aus Andalusien die Gegenfrage erschallt, warum der Staat bei der Embryonenforschung so viel Zeit verschwendet habe.

          Zeit als Druckmittel

          Die Zeit verwandelt sich in der Forschungsdebatte in ein mächtiges Druckmittel. Der Verein spanischer Diabetiker hat die Regierung dringend aufgefordert, die Embryonenforschung nicht zu behindern. Auch aus dem Umfeld von Krebs- und Parkinson-Kranken wird gemahnt, die Gelegenheit, Therapieformen für bisher unheilbare Krankheiten zu entwickeln, nicht zu versäumen. Der spanische Stammzellforscher Bernat Soria ist selbst ein Beispiel für strategisch eingesetzten Zeitdruck: Mit der Ankündigung, er werde seine Forschungen andernfalls in Singapur betreiben, bewegte er Andalusien zum Alleingang gegen die Zentralregierung. Durch eine Kooperation mit dem Karolinksa-Institut in Stockholm umgeht Soria außerdem das Verbot des kommerziellen Embryonenhandels. Die Schweden, bisher einer von ganz wenigen Produzenten der kostbaren Ware, werden Granada kostenlos embryonale Stammzellen liefern. Eigene Linien embryonaler Stammzellen wird die spanische Stammzellbank frühestens im nächsten Jahr kultivieren.

          Wieviel noch fehlt, erläutert ihr wissenschaftlicher Leiter, Ángel Concha. In den ersten Monaten gehe es darum, Protokolle für Behandlung und Transport der Embryonen zu erstellen. Mit dem Auftauen könne erst begonnen werden, wenn die juristischen Fragen geklärt seien, bis dahin werde mit adulten Stammzellen sowie mit Zellen aus dem Blut der Nabelschnur von Babys gearbeitet. Es werde Jahre dauern, so Concha, zwischen den Stammzellbanken von London, Stockholm und Granada einen gemeinsamen Laborstandard zu erarbeiten. Übrigens wartet auch die Bank von Granada noch auf ihren endgültigen Ort. Irgendwann im Jahr 2005 sollen die vierzehn Wissenschaftler und die eine Million Euro teuren Geräte aus vorläufigen Krankenhausräumen in das entstehende "Zentrum für biomedizinische Forschung" umziehen. Dann könnte es nicht ganz ohne Grund heißen: Madrid redet, und Andalusien handelt.

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