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Grammy-Verleihung : Goldene Schnabeltassen für alle!

  • -Aktualisiert am

Das Karussell der ewigen Auszeichnungen: Bei den 56. Grammy Awards in Los Angeles feiert sich die Musikindustrie mal wieder selbst. Die Deutschen spielten kaum eine Rolle. Eine Ausnahme machen „Kraftwerk“ und das NDR-Sinfonieorchester.

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          Kann man bei einer Preisverleihung mit sage und schreibe zweiundachtzig Kategorien eigentlich noch von einer Auszeichnung sprechen? Die gebührt wohl eher dem, der die zugehörige Zeremonie durchhält. Bei den „Grammys“ hat man außerdem jedes Jahr das Gefühl, es seien noch mehr geworden - und irgendein Rapper bekommt dann gleich eine Handvoll davon.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Vier Grammys heimste bei der diesjährigen Gala in Los Angeles, die zu europäischer Zeit am frühen Montagmorgen zu Ende ging, das Rap-Duo Macklemore & Ryan Lewis ein, nämlich als „Bester neuer Künstler“, für das beste Rap-Album „The Heist“, für den besten Rap-Song „Thrift Shop“ und für den besten Rap-Auftritt. Ebenfalls vier Trophäen erhielt auch das französische Elektropopduo Daft Punk, nämlich für ihr Album „Random Access Memories“ als „Bestes Dance-/Electronica-Album“ und für die „Beste Abmischung eines Albums“ sowie für ihre Single „Get Lucky“ gemeinsam mit dem Sänger Pharrell Williams als „Single des Jahres“ und „Beste Popdarbietung eines Duos/einer Gruppe“.

          Die Franzosen erschienen natürlich wie immer im Roboterkostüm. Zwei Grammys steckte auch die erst siebzehnjährige neuseeländische Pop-Sängerin Lorde ein. Mit ihrem Lied „Royals“ gewann sie in den Kategorien „Song des Jahres“ und „Beste Pop-Solo-Performance“.

          Immerhin im Country-Genre gab es eine kleine Überraschung, da hier ausnahmsweise mal nicht die ubiquitäre Taylor Swift alles gewann, sondern die Newcomerin Kacey Musgraves für ihr Album „Same Trailer, Different Park“ und den Song „Merry Go Round“ geehrt wurde - ein Album, das tatsächlich mal aus dem Einheitsbrei heraussticht.

          Die üblichen Verdächtigen im Scheinwerferlicht: Beyoncé mit Ehemann Jay-Z Bilderstrecke

          Natürlich gab es auch Live-Auftritte der üblichen Verdächtigen (Jay-Z mit Ehefrau Beyoncé und etwas Akrobatik von Pink) und Lifetime-Achievement-Awards (Paul McCartney und Ringo Starr als verbliebene Beatles-Mitglieder). Da eine dreieinhalbstündige Zeremonie für all dies kaum noch ausreicht, feierte sich die Musikindustrie diesmal schon vorher eine ganze Woche lang selbst: vollmundig angekündigt natürlich als „Music’s biggest week“ mit Konzerten und Sonderpreisen für alles Mögliche.

          Angesichts der Kategorienfülle muss bald wohl niemand in Amerika mehr ohne Preis nach Hause gehen - schließlich gab es da ja auch noch „Best Gospel / Contemporary Christian Music Perfomance“ (hier gewann Tasha Cobbs mit „Break Every Chain“), was natürlich nicht zu verwechseln ist mit „Best Gospel Song“ (der ging an Tye Tribbett für die Live-Version von „If He Did It Before... Same God“).

          Oder auch die „Beste Rap-Koproduktion“ - ebenfalls sehr wichtig, der Rapper Jay-Z sollte schließlich nicht leer ausgehen, was natürlich inakzeptabel wäre. So erhielt er also seine Trophäe - und weiß offenbar schon gar nicht mehr, wo er mit all dem „Bling“ hin soll, versprach sie also in seiner Dankesrede seiner kleinen Tochter Blue Ivy: „Ich möchte Blue sagen: Schau mal, Daddy hat eine goldene Baby-Schnabeltasse für dich.“

          Kraftwerk bekommt einen „Ehrengrammy“

          Zu den Grammy-Vertrautheiten gehört zumeist, so ehrlich muss man sein, auch noch die Meldung, dass die Deutschen am Ende leer ausgehen. Immerhin: Der Dirigent Christoph Eschenbach gewann mit dem  NDR-Sinfonieorchester in der Sparte „Bestes klassisches  Sammelprogramm“ für die Aufnahme „Hindemith: Violinkonzert -  Symphonic Metamorphosis - Konzertmusik“. Das  Plattenlabel Deutsche Grammophon gewann einen Grammy für die beste Opernaufnahme.

          Und die Düsseldorfer Elektro-Pioniere Kraftwerk gehörten zu den Künstlern, die in diesem Jahr einen Ehrengrammy für ihr Lebenswerk erhielten. Kraftwerk seien „eindeutig ihrer Zeit voraus“ gewesen, hieß es in der bereits im Dezember veröffentlichten Erklärung der Recording  Academy. Die Gruppe habe mit industriellen Klängen experimentiert und daraus „minimalistisch-robotische Popmelodien“ komponiert. Als das erste  Album mit dem Titel „Kraftwerk“ 1971 auf den Markt kam, sei die  Band einzigartig gewesen. Mit ihrem Stil hätten Kraftwerk Künstler  wie Björk, Blondie, David Bowie, Daft Punk und Depeche Mode  inspiriert.

          Man darf zuversichtlich sein, dass es im kommenden Jahr goldene Schnabeltassen für alle gibt.

          ZDF - aspekte von 1973 zeigt einen der ersten Fernsehauftritte von Kraftwerk. Ralf und Florian mit Tanzmusik

          © ZDF

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