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Gottschalks Laudatio auf Reich-Ranicki : Diese funkensprühende Begeisterung für Literatur

  • -Aktualisiert am

Thomas Gottschalk gratuliert Marcel Reich-Ranicki Bild: ©Helmut Fricke

Ein Außenseiter ist er längst nicht mehr. Als Mahner und Erzieher wird er dringend benötigt. Als begnadeter, unduldsamer Entertainer hat er der Literatur fremde Kontinente erobert: Thomas Gottschalk über seinen Freund Marcel Reich-Ranicki anlässlich der Verleihung der Börne-Medaille.

          Lieber Marcel,

          ich lasse mir diese persönliche Anrede auf der Zunge zergehen, denn ich genieße die Schmerzen, die der eine oder andere Kulturschaffende gerade empfindet, weil ich heute, auf Deinen Wunsch hin, hier als Vertreter derer sprechen darf, die bei Müller an Fußball oder Milch denken, aber nicht an den Literatur-Nobelpreis. Und du hast mir das Du ja nicht verschämt und heimlich in Auerbachs Keller angeboten, sondern öffentlich vor Millionen von Fernsehzuschauern. Du hast sozusagen den Deutschen Fernsehpreis abgelehnt und mich gleichzeitig angenommen, was Du inzwischen bereut haben magst, aber nun ist es zu spät: Hier stehe ich und kann nicht anders, als mit Freude festzustellen, dass Du Dir mit fortschreitendem Alter eine zunehmende Beschwingtheit gönnst. Zu Deinem Fünfundachtzigsten musste ich als Redner noch gegen Frank Schirrmacher und Richard von Weizsäcker antreten. Heute sind wir mit Henryk Broder schon zwei Unterhalter und den Schirrmacher werden wir bis zu Deinem Fünfundneunzigsten auch noch los.

          Ich will Dich hier nicht als Unterhaltungskollegen vereinnahmen und auf eine Ebene zerren, auf die Du nicht gehörst und die Deiner Lebensleistung im deutschen Literaturbetrieb nicht gerecht würde, ich führe auch den Fernsehpreis nicht wie den Dolch im Gewande, um ihn Dir heute ein zweites mal erfolglos aufzunötigen. Aber eines musst Du Dir von jemandem, der etwas davon versteht, sagen lassen, auch wenn Du es immer wieder barsch von Dir weist: Du bist, ob du es sein willst oder nicht, ein begnadeter Entertainer.

          Lob des begnadeten Unterhalters: Thomas Gottschalk während seiner Laudatio

          Deine funkensprühende Begeisterung für die Literatur macht auch und gerade Deinen heiligen Zorn unterhaltsam, Deine Unduldsamkeit ist mühsam für Deine Gesprächspartner aber mitreißend für das Publikum und für Deine Spontaneität gibt es keinen besseren Zeugen als mich. Obwohl ich auch nicht gerade langsam reagiere, war meine Bestzeit für die Rückgabe eines Fernsehpreises vier Wochen, Du hast Deinen erst gar nicht angenommen und bist damit in dieser Kategorie für alle Zukunft uneinholbar.

          Kein Außenseiter, eine Ausnahme

          Zum anderen kann ich es Dir nicht durchgehen lassen, dass Du Dich immer wieder als „Außenseiter“ bezeichnest und Dich offensichtlich selbst gerne als solcher siehst. Wer sich mit den Medien, mit dem Fernsehen vor allem, einlässt, der kann sich seine Freunde und Feinde ebenso wenig aussuchen wie der Autor seine Kritiker. Sie wachsen einem zu, ob man sie will oder nicht.

          Und wer so unverwechselbar und lautstark wie Du seine Stimme erhebt, der darf sich über das Echo nicht wundern. Überraschend ist Dein Erfolg beim Publikum insofern nur, als Dein Thema, nämlich die Literatur, ansonsten im Fernsehen kaum vermittelbar ist. Du bist also kein Außenseiter, sondern eine Ausnahme. Und weil Dir das vor anderen, die das Gleiche erfolglos versucht haben, ein bisschen peinlich sein müsste, aber nicht wirklich ist, stilisierst Du Dich zum Sonderling, von den Deinen nicht geliebt und vom Rest der Welt nicht verstanden.

          Mit den Deinen musst Du selbst klarkommen, die mögen mich erst recht nicht. Aber mit dem Rest der Welt kenne ich mich aus. Und wann immer Du mir zuliebe den Olymp der Literatur verlassen hast, warst Du keineswegs heimatlos.

          In meiner Late Night Show hast Du seinerzeit ein kompetentes Fachgespräch mit der in Literatenkreisen kaum beachteten Theresa Orlowski geführt und kanntest Dich im Geschäftsbereich der Sexunternehmerin sehr viel besser aus, als diese sich in der Frankfurter Anthologie. Die „Bild am Sonntag“, die Dich gerade zu Deinem Neunzigsten interviewt hat, erklärte ihren Lesern zur Sicherheit in Fußnoten, wer die von Dir erwähnten Herren Rilke und Tucholsky waren, aber Dich brauchten sie ihren Lesern nicht näher zu erläutern. Und einige Journalisten verstanden den Sinn meiner Partnerin Michelle Hunziker bei „Wetten, dass . . ?“ erst, als ich ihre Rolle mit der von Sigrid Loeffler im „Literarischen Quartett“ verglichen habe. Nein, als Außenseiter nimmt Dich die große Mehrheit der Deutschen sicher nicht wahr. Eher als dringend benötigten Mahner und Erzieher.

          Der schwierige Spagat zwischen Unterhaltung und Erziehung

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