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Gottfried Wilhelm Leibniz : Differenziert feiern

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Eventuell berühmter als sein philosophischer Namensvetter, aber weniger befeiert: Der Leibniz Butterkeks. Bild: dpa

Nicht immer gibt es einen zureichenden Grund für’s Feiern. Umso schöner, wenn sich einer anbietet: Leibniz’ dreihundertster Todestag. Butterkekse für alle!

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          Raymond Queneau, der den Mathematikern und Philosophen zugeneigte Dichter, hat einmal kurzerhand den französischen Nationalfeiertag umgewidmet: „Es gibt einen Brief von Leibniz/datiert auf den 14.Juli 1686/ in dem er hinweist auf die Bedeutung/ des Prinzips vom zureichenden Grund. /Das ist ein bedeutendes Datum in der Geschichte der Philosophie/deshalb feiern die Pariser jedes Jahr/auf den öffentlichen Plätzen die ganze Nacht.“ Bündiger kann man den Mann wohl nicht würdigen, dessen dreihundertster Todestag in das gerade angebrochene Jahr fällt.

          Die Umwidmung des englischen Nationalfeiertags, den es bloß leider nicht gibt, hätten wir freilich noch besser gefunden. Wegen der leidigen Geschichte mit Newton natürlich, des Streits darüber, wem von beiden nun eigentlich der Durchbruch zur Differentialrechnung zu verdanken ist. Newton aber war der kommende Mann, samt einer Naturphilosophie, die es sich mit ihren letzten Begründungen nicht unbedingt schwermachte. Wo es eng wurde, traten Absoluta auf den Plan: Zeit, Raum – Ernst Machs ist übrigens dieses Jahr auch zu gedenken – und ein Gott, dessen Beweggründen nicht nachzufragen war und der da und dort immer noch ein wenig nachbesserte.

          So durfte man Leibniz nicht kommen, der hatte – siehe auch Prinzip vom zureichenden Grund – ganz andere Finessen parat. Sie stammten zwar aus großen Fragen, die obsolet zu werden begannen, aber verblüffenderweise kamen dabei mitunter Einsichten heraus, die sich als sehr tragfähig erweisen sollten; man muss da etwa nur an die zukünftige Karriere von Erhaltungssätzen denken. Wie überhaupt an Leibniz fasziniert, dass da einer seine Zeitgenossen manchmal in Richtung Moderne überholte, gerade weil er Traditionen nicht einfach beiseitesetzte, die bald und unter Mithilfe von Voltaire und Co. versenkt wurden. Nicht selten zudem mit utopischen Überschüssen, die diesen philosophischen Ökumeniker, Systembauer und Projektemacher nur noch anziehender machen.

          Queneau hatte schon recht: Feiern auf den Straßen ist angesagt, die Hannoveraner können sich dabei hervortun – Butterkekse für alle –, um die Sünden ihrer Kurfürsten vergessen zu machen, die ein Universalgenie auf die Abfassung der Geschichte des Welfengeschlechts festnagelten, obwohl Leibniz ja selbst daraus etwas zu machen wusste. Man hat dort den Reigen der Veranstaltungen bereits mit Leonard Bernsteins „Candide“ begonnen. Mehr Leibniz hat das musikalische Bühnenrepertoire vermutlich nicht zu bieten, da darf auch Dr. Pangloss mitmachen. Aber im Sommer wird ja zu hören sein, was der Internationale Musikwettbewerb „Leibniz’ Harmonien“ erbracht hat. Und in Paris, wo Leibniz doch so gern geblieben wäre, kann dann auf den Feuerwachen schon mal losgetanzt werden. Hoffentlich.

          Helmut Mayer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

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