https://www.faz.net/-gqz-vwlf

Gott ist wieder da : Ist Er unser Verbündeter?

Wenn nicht gerade die Heilige Nacht naht, wird der Name Gottes in den Kirchen dieser Tage nicht so laut ausgerufen. Doch die Bestsellerlisten sprechen eine andere Sprache. Es wird wieder gestritten über Gott - es geht ja auch um alles.

          Ist dieses Jahr, das jetzt zu Ende geht, tatsächlich das zweitausendundsiebte nach Christi Geburt gewesen? Dieses Jahr, in welchem, nur zum Beispiel, der altehrwürdige Philosoph und Theologe Robert Spaemann noch einmal versuchte, was seit den Tagen der Aufklärung keinen seriösen Christen mehr gekümmert hat: die Existenz Gottes mit reiner Logik zu beweisen? Dieses Jahr, in welchem der Biologe Richard Dawkins versuchte, was seit den Tagen Darwins und Feuerbachs keinen seriösen Atheisten mehr interessiert hat: die Existenz Gottes mit der Evolutionstheorie zu widerlegen.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dieses Jahr, in dem Gott persönlich ins Kino kam, ein weiser Mann im weißen Prada-Anzug, der zu den Menschen in klugen, pointierten Drehbuchsätzen sprach: „Wenn du Gott um Geduld anflehst, wird er dir nicht Geduld schenken, sondern eine Gelegenheit, geduldig zu sein. Wenn du Gott um Mut bittest, wird er dir nicht Mut geben, sondern eine Gelegenheit, deinen Mut zu beweisen.“ Und die Menschen in dem Hollywoodfilm „Evan Almighty“ taten, wie ihnen gesagt worden war.

          Zurück zu Marx

          Es ist mehr als 150 Jahre her, dass Karl Marx befand, die Kritik der Religion sei im Wesentlichen abgeschlossen; jetzt gehe es darum, das Elend abzuschaffen, zu dessen Linderung die Religion erfunden worden sei. Und dass Marx' Forderungen im Europa des 21. Jahrhunderts anscheinend vollständig erfüllt waren, davon zeugten nicht zuletzt die Berichte, Erzählungen und Reportagen jener Amerikaner, die von ihren Besuchen auf dem alten Kontinent die Nachricht mitbrachten, die Europäer seien nicht nur müde und dekadent geworden; sie seien vor allem ein ungläubiges Volk und so desinteressiert an einem höheren Wesen, dass man sich nicht wundern müsse, wenn es bergab gehe mit dem ganzen Kontinent. Und erst neulich betonte der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney noch einmal, Europas Kirchen seien „so großartig, so beseelt und so leer“: Europas Glaube sei der Säkularismus, der eine gefährliche Irrlehre sei.

          Stimmt ja, irgendwie, der Name Gottes wird, wenn nicht gerade hohe Feiertage nahen, nicht so laut in unseren Kirchen angerufen; Gott ist aber in den Buchläden und auf den Zeitungsseiten, unter den ersten zehn Titeln auf der Sachbuch-Bestsellerliste handeln fünf, mehr oder weniger, vom Gott der Christenheit - und dass da, auf Platz acht und seit 14 Wochen auf der Liste, auch Richard Dawkins' „Der Gotteswahn“ steht, ist kein Beleg dafür, dass das Publikum des Themas schon wieder überdrüssig würde. Im Gegenteil. Wo Gott tot ist und vergessen, da ist nichts so uninteressant wie die Kritik der Religion. Und wenn einer fast 600 Seiten braucht, um mit seinem Gegner abzurechnen, dann kann das kein ganz schwacher Gegner sein.

          Der sympathischste aller Gottwesbeweise

          Dawkins' Buch hat von den Rezensenten bekommen, was ein so eitles, ungenaues und geschwätziges Buch verdient: Verrisse. Und wenn man noch einmal nachliest, wie leicht es sich Dawkins damit macht, den sympathischsten aller Gottesbeweise zu dementieren, den sogenannten Schönheitsbeweis, welcher besagt, dass es Werke der Kunst gebe, die so schön sind, so groß, so wahr, dass man hier nicht nur Menschenwerk rezipiere, sondern Gottes Wirken spüre, worauf Dawkins antwortet, dass Mozarts Musik nicht die Existenz Gottes beweise, nur die Existenz Mozarts, wenn man das liest, möchte man den Mann nur noch bedauern für sein kaltes Herz, seine unempfindlichen Ohren und seine, auch theoretische Ahnungslosigkeit in Fragen einer Kunst, die eigentlich immer etwas anderes und im Glücksfall mehr ist als die Summe der schöpferischen Absichten, die darin eingegangen sind.

          Weitere Themen

          Filmstars gegen die AfD Video-Seite öffnen

          Bürgermeisterwahl in Görlitz : Filmstars gegen die AfD

          Am Sonntag wird in einem zweiten Wahlgang in Görlitz der Oberbürgermeister gewählt. Beim ersten Wahlgang am 26. Mai holte AfD-Kandidat Sebastian Wippel mit 36,4 Prozent die meisten Stimmen. Um die Wahl des AfD-Kandidaten zu verhindern, haben Filmgrößen wie Daniel Brühl und Armin Rohde in einem offenen Brief die Wähler ermahnt, "weise" zu wählen.

          Topmeldungen

          Grünen-Chef Robert Habeck

          Kanzlerfrage : Habeck hängt Kramp-Karrenbauer ab

          Der Grünen-Chef würde bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers laut einer Umfrage doppelt so viele Stimmen erhalten wie seine Amtskollegin bei der CDU. Mit Friedrich Merz als Kandidat sähe die Lage anders aus.
          Indiens Regierungschef Narendra Modi und der amerikanische Präsident Donald Trump

          Handelsstreit mit Amerika : Indien erhebt Vergeltungszölle

          In Asien bekommt Donald Trump einen weiteren Gegner im Handelskonflikt. Erst strich der amerikanische Präsident Indien Sondervergünstigungen. Nun wehrt sich die Regierung in Neu Delhi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.