https://www.faz.net/-gqz-7a8wp
Fridtjof Küchemann, Redakteur im Feuilleton

Google kämpft um die Lufthoheit : 99 Luftballons

Google will jetzt auch die Lufthoheit und lässt kommunizierende Ballons durch die Stratosphäre segeln. Wie niedlich, könnte man meinen, würde man den kalifornische Datensammler nicht besser kennen.

          1 Min.

          Wie eine erstarrte Qualle schwebt das Gebilde in den Himmel über Neuseeland hinauf, ein blasser Bruder des Stratosphärenballons, in dem Bertrand Piccard und Brian Jones vor vierzehn Jahren die Welt umfahren haben. Unten am Boden zeigt das Video, das Google unlängst in seinem offiziellen Blog veröffentlicht hat, einige Männer, halb Tüftler und Abenteurer, halb große Jungs mit glänzenden Augen. In einem zweiten Video lässt Google eine klare Kinderstimme zu schlicht-schön auf eine schwarze Fläche gekrakelten Zeichnungen erklären, was es mit der Qualle auf sich hat: Der Internet-Konzern hat sich etwas einfallen lassen, um auch die abgelegensten Regionen unserer Welt an den Segnungen des Netzes teilhaben zu lassen. Hierfür müssen keine Kabel verlegt und keine Sendemasten installiert werden – gefunkt wird über unzählige, fünfzehn Meter große Ballons.

          In einem ersten, größer angelegten Versuch dieser Tage sollen es dreißig sein. Sie treiben etwa zwanzig Kilometer über der Erde in den Stratosphärenwinden und kommunizieren miteinander und mit kleinen, ein wenig an Kinderballons erinnernden Stationen, die an Hauswänden angebracht werden. Jeder Ballon soll einen Bereich von vierzig Quadratkilometern mit einer Verbindungsqualität versorgen können, die etwa dem hiesigen Standard UMTS entspricht. Für sein jüngstes Vorhaben hat der Konzern, dem seine Visionen gar nicht groß genug sein können, einmal mehr auf die populäre Mischung aus kindlicher Faszination, jugendlichem Pioniergeist und erwachsener Wohltätigkeit gesetzt. Wer wollte angesichts niedlicher Luftballons an handfeste Geschäftsinteressen denken, etwa daran, die digitale Infrastruktur in Afrika nicht den Chinesen zu überlassen? Wer wollte angesichts der gepriesenen Vorteile – Bildung, Versorgung, Geschäftsmöglichkeiten für alle – die Frage nach dem Datenschutz stellen? Was Google wohl diesmal alles zufällig einsammeln und auswertet? Und was auf geheimdienstliche Anordnung?

          Bei wahrem Pioniergeist, hat Bertrand Piccard einmal gesagt, gehe es nicht so sehr darum, neue Ideen zu haben. Vielmehr müsse man sich befreien von Überzeugungen und Gewohnheiten, die uns in alten Bahnen des Denkens und Handelns gefangen hielten. Ob er darauf kam, bevor oder nachdem er einen Weltumrundungsversuch im Ballon hatte abbrechen müssen, weil China ihm den Überflug verweigerte, ist nicht überliefert.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Ahnungslos in der Sprungschicht

          Kinderroman von Judith Burger : Ahnungslos in der Sprungschicht

          Eine Theaterproduktion für die Freilichtbühne, wie jedes Jahr, und doch ist alles anders: In ihrem Kinderroman „Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer“ taucht Judith Burger in die frühe Pubertät.

          Topmeldungen

          Halbe Seite vom früheren CSU-Kultus- und Wissenschaftsminister Hans Maier übernommen? Neue Vorwürfe gegen Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet

          Buch des CDU-Kanzlerkandidaten : Neue Plagiatsvorwürfe gegen Laschet

          Der österreichische Medienwissenschaftler Stefan Weber zieht seine entlastende Stellungnahme zum Buch des Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet zurück. Weber kündigte an, das Buch genauso detailliert zu prüfen wie jenes der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock.
          Alles so schön bunt hier: eine Gasse in Basel. In der Schweizer Stadt fanden im vorigen Jahr Demonstrationen der Black-Lives-Matter-Bewegung statt, die Martin R. Dean ermutigten, über seine Erfahrungen als „nichtweißer“ Autor zu sprechen.

          Was die Sprache verändert : Ade, du weiße Selbstverständlichkeit

          Der Schriftsteller Matthias Politycki hat kürzlich begründet, warum er Deutschland verlassen hat: Politisch korrekte Sprachregelungen mache ihm das Schreiben unmöglich. Ihm antwortet nun ein Freund und Kollege.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.