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Reale Welt und digitale Welt : Google oder Die Abschaffung der Politik

Sieht so die Welt aus, wie sie Google gern sähe? Pläne für einen Campus des Unternehmens im kalifornischen Mountain View. Bild: Heatherwick Studio and Bjarke Ingels Group

Drohnen, selbstfahrende Autos, Nano-Pillen: Worauf laufen die zahllosen Interventionen des Internetkonzerns Google in der analogen Welt eigentlich hinaus?

          6 Min.

          Die Frequenz der Stellungnahmen Googles zur Welt – zur Ernährung, Sexualität, Arbeit, zu Car-Sharing und was auch immer anliegt – steigt mit jedem Tag. Aber die zentrale Frage, die seine sprunghaft anwachsenden Daten und globalen Aktivitäten aufwerfen, lässt der Konzern unbeantwortet: die Frage nach seiner politischen Agenda. Man weiß, dass das Unternehmen zahlreiche Kontakte zu Regierungen, vor allem zur amerikanischen, pflegt und dabei auch Spitzenpersonal austauscht (der ehemalige außenpolitische Berater von Hillary Clinton steht heute dem Thinktank „Google Ideas“ vor, während eine frühere Google-Managerin jetzt als Chief Information Officer im Weißen Haus arbeitet).

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber es ist nach außen nicht ersichtlich, welche politischen Kriterien die unüberschaubar gewordenen diplomatischen und unternehmerischen Initiativen miteinander und mit dem gewaltigen Potential der gesammelten Daten gemeinsam haben: worauf sie eigentlich hinauslaufen. Sicher ist nur, dass Google von Anfang an den Anspruch hatte, „die Welt zu verändern“ (ein anderes Motiv würde laut Google-Gründer Larry Page auch gar nicht ausreichen, damit die Angestellten jeden Morgen mit Schwung aufstehen). Doch wie diese Welt dann am Ende aussehen soll, wollen ihre Veränderer nicht sagen.

          Prototyp des selbstfahrenden Autos von Google
          Prototyp des selbstfahrenden Autos von Google : Bild: picture alliance/dpa

          Seit diesem Jahr tritt der Konzern nun zum ersten Mal direkt als politischer Akteur in Erscheinung. Googles „Government Innovation Lab“ berät die drei kalifornischen Regierungsdistrikte Alameda, Kern und San Joaquin, um deren Politik etwa in den Bereichen Wirtschaftsentwicklung, öffentliche Sicherheit oder Justizwesen zu verbessern. In jedem der drei Distrikte trainieren die Google-Mentoren jeweils fünfzig höhere Beamte mit dem Ziel, „große innovative Führer hervorzubringen“. Der Distrikt San Joaquin will vor allem die Arbeitslosenquote von acht auf vier Prozent senken; Alameda hat einen Schwerpunkt in der Wohnungspolitik, Kern in der Bekämpfung der Rückfallkriminalität. Natürlich ist mit solchen Zielen der Ehrgeiz nicht erschöpft. Die Zusammenarbeit mit den Kommunen soll dem Konzern dabei helfen, ein Ausbildungscurriculum für Regierungen auszuarbeiten, das in allen Weltgegenden und auf jeder Ebene der Macht gleichermaßen angewendet werden kann.

          Denken bis zum Mond

          Was ist das Spezifische dieser Art Politikberatung? Google selbst nennt es das „Moonshot-Denken“. Laut Larry Page ist es unbefriedigend, jeden Tag nichts anderes zu wollen, als um zehn Prozent besser zu sein als eine Konkurrenz, die ohnehin fast das Gleiche tut wie man selbst. Bei Google gehe es daher nicht darum, zehn Prozent, sondern zehn Mal besser zu sein als alle anderen, also immer etwas zu machen, was auf einem ganz anderen Planeten angesiedelt ist. Nun sollen also auch aus Verwaltungsangestellten und Interessenpolitikern kühne Veränderer werden, die keine Scheu haben, ihre entlegensten Gedanken zu äußern.

          Die Pointe dieser institutionalisierten Revolution ist, dass es das utopische Gestirn, auf das die braven Funktionäre gebeamt werden sollen, tatsächlich schon gibt: Es ist die Firma Google selbst und deren zentraler Sitz im kalifornischen Mountain View, genannt „Googleplex“. Die Menschen leben dort wie in einer großen Familie, sie erhalten kostenloses Essen und Gesundheitsvorsorge („Wenn man die Leute so behandelt, bekommt man größere Produktivität“, erklärt Larry Page), jeder kann, wie eine offizielle Website versichert, „sein ganzes Selbst zur Arbeit bringen“, vor allem aber fördert die Arbeitskultur eine „gesunde Missachtung des Unmöglichen“. So wird die Findigkeit einer Internetfirma, immer neue Bedürfnisse und Produkte zu erfinden und damit ständig den Rahmen zu verändern, in dem sie agiert, zum Prototyp für die Politik.

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