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Gomringer-Debatte : Löschung und Überschreibung

Wo beginnt Sexismus? Nach Protesten von Studenten und Mitarbeitern wird „Avenidas“ von der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule entfernt. Bild: Felipe Trueba/EPA

Der Senat der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin hat entschieden: Eugen Gomringers Gedicht „Avenidas“ wird entfernt. Die Lyrikerin Barbara Köhler soll die Fassade neu gestalten. Zu beneiden ist sie nicht.

          Was ist in der Kulturgeschichte nicht alles übermalt und dadurch bewahrt worden? Nehmen wir nur die vier Seraphime in der Hagia Sophia von Istanbul, die nach der Umwandlung der Kirche in eine Moschee überputzt und nach der Umwidmung in ein Museum unter Atatürk 1934 teilweise und schließlich 2010 wieder ganz freigelegt wurden – wunderbar erhalten in ihrer Substanz, bewahrt durch die Waffe der Intoleranz. Das lässt hoffen, wenn der Senat der Berliner Alice-Salomon-Hochschule nun beschlossen hat, Eugen Gomringers Gedicht „Avenidas“, seit 2011 wandfüllend an der Südfassade des Hochschulgebäudes zu lesen und wegen angeblich sexistischer Perspektive auf Frauen Gegenstand einer zunächst hochschulintern, dann öffentlich ausgetragenen Debatte, im kommenden Herbst übermalen zu lassen.

          Ein Schichttext

          Mit einem Gedicht von Barbara Köhler, die im vergangenen Jahr den von der Hochschule vergebenen Alice-Salomon-Poetikpreis erhielt, mit dem auch Gomringer ausgezeichnet worden war – was sein spanisches Poem überhaupt erst an die Wand gebracht hatte. Köhler war angesichts des Streits so klug, für ihr Gedicht nun eine maximale Verweildauer von sieben Jahren festzulegen. Die Hochschule beschleunigt aber sogar noch: Alle fünf Jahre soll künftig ein neues Preisträgergedicht aufgetragen werden. Es wird auf der Südfassade also ein Palimpsest entstehen, ein Schichttext aus Löschungen und Überschreibungen. Eine poetologisch versierte Institution hätte zumindest daraus etwas gemacht.

          Aber die Salomon-Hochschule ist alles andere als das. Sie beugt sich den Empfindlichkeiten eines Teils ihrer Studenten- und Belegschaft, die nach dem sommerlichen Gedicht-Streit durch die Me-too-Debatte sicher nicht kleiner geworden sind. Sie schlägt Einsprüche von Lyrikern und dem P.E.N., die eine Auslöschung als Zensur bezeichnen, in den Wind. Sie bringt als Trostpflaster für den dreiundneunzigjährigen Gomringer eine Tafel mit dessen Gedicht in drei Sprachen und einer Erläuterung der Affäre auf der Wand an. Und sie wird erst im Herbst überhaupt erfahren, was sich Barbara Köhler als Ersatz denn ausgedacht hat.

          Die Frau ist nicht zu beneiden, also lässt sie sich Zeit. Dass damit autonome Kunst zu Auftragsarbeit wird, verschlägt nichts. Dass der konkrete Poet Gomringer in eine groteske Schmutz-und-Schund-Debatte verwickelt wurde, dagegen schon. Bienvenidas „Avenidas“: Auf Wiedersehen in ein paar hundert Jahren.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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