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Görlitz und Zgorzelec : Vielleicht ist es am besten, wenn beide die Rolle lernen

Blick von Zgorzelec über die Neiße auf die Peterskirche in Görlitz Bild: dpa

Zusammenwachsen ist eine schwierige Angelegenheit: Trotz des Scheiterns im Wettbewerb um den Titel Europäische Kulturhauptstadt geht es im deutschen Görlitz und dem polnischen Zgorzelec mit energischeren Schritten voran.

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          Ein kleines Abenteuer ist es schon, das Patrizia, Cane, Nikolai, Michael, Darina und elf weitere Schüler der Görlitzer Altstadtgrundschule bestehen wollen. Einen Fluß müssen sie überqueren, eine Staatsgrenze passieren, dann hinaufsteigen zum östlichen Teil ihrer Stadt. Dort gilt es an diesem Tag einen Drachen zu bezwingen. Besonders nervös aber macht die zehn Jahre alten Mädchen und Jungen, daß ein guter Teil des Abenteuers in polnischer Sprache vor sich gehen soll. Denn die Kinder sind auf dem Weg zum Fest der Marie-Sklodowska-Curie-Schule in Zgorzelec, um dort das polnische Märchen „Der Drache von Wawel“ aufzuführen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Seit es die Altstadtbrücke gibt, die Görlitz nach vielen Jahrzehnten gleich unterhalb von St. Peter und Paul wieder mit Zgorzelec verbindet, sind es zwischen der Altstadtgrundschule und der Marie-Curie-Schule kaum fünfzehn Minuten Fußweg. Die Grenze zwischen Polen und Deutschland, die in den letzten Jahren der DDR beinahe so hermetisch abgeriegelt war wie die innerdeutsche Grenze, ist für die jungen Europäer eine Marginalie. Eigentlich. Denn ausgerechnet an diesem Tag gibt es vor dem Zollhäuschen, in dem am Ende der Altstadtbrücke polnische und deutsche Beamte gemeinsam Dienst tun, Schwierigkeiten.

          Vorschrift ist Vorschrift

          Eines der Kinder hat einen bulgarischen Paß. Der Weg von Europa nach Europa ist für Darina beschwerlicher als für die anderen Jungen und Mädchen. Darina muß die Grenze am Hauptzoll passieren, denn nur dort haben die Zöllner den Stempel, den sich Europäer, deren Länder nicht zur Europäischen Union gehören, in ihren Reisepaß drücken lassen müssen. Vorschrift ist Vorschrift. Auch wenn die Zeit knapp wird und das Schulfest gleich beginnt, dürfen die Beamten an der Altstadtbrücke keine Ausnahme machen. „Wir bitten dafür wirklich um Verständnis“, sagt der deutsche Zöllner. Sein polnischer Kollege schließt sich der Bitte mit einem energischen Nicken an. Also macht sich die Schuldirektorin Christine Adler mit Darina an der Hand auf den Weg zurück über die Altstadtbrücke zur Schule, um von dort aus mit dem Auto den Umweg über die große Stadtbrücke zur polnischen Partnerschule zu nehmen.

          Brücken verbinden die alte und neue EU
          Brücken verbinden die alte und neue EU : Bild: AP

          Zusammenwachsen ist eine schwierige Angelegenheit. Die Geschichte des Wiederaufbaus der Altstadtbrücke erzählt, symbolhaft verdichtet, viel davon. Seit Anfang der neunziger Jahre gab es Pläne für die Wiedererrichtung des am Ende des Zweiten Weltkriegs gesprengten Bauwerks. Aber zehn Jahre lang tat sich nichts. Erst 2002 unterzeichneten Polen und Deutschland den bilateralen Bauvertrag - vier Jahre nachdem sich Görlitz und Zgorzelec zur Europastadt ernannt hatten. Im Jahr 2004, als Polen der EU beitrat, konnte die Brücke endlich fertiggestellt werden. Seitdem geht es links und rechts der Neiße mit energischeren Schritten voran.

          Es trennte sie mehr als nur ein Fluß

          Gleich hinter der Brücke hat man derzeit einige Mühe, die gänzlich aufgerissene Neiße-Uferstraße zu überqueren. Jahrzehntelang verfielen die Häuser auf der Zgorzelecer Neißeseite, selbst der historische Postplatz wurde schließlich abgerissen. Die beiden Städte kehrten einander ihre Rücken zu. Lange davor schon waren sich die Menschen fremd geworden. 1945 hatten die Alliierten im Potsdamer Vertrag festgelegt, daß Polen die deutschen Gebiete rechts der Neiße und damit auch der östliche Teil von Görlitz zugeschlagen wurde. Tausende vertriebene Deutsche suchten im Westteil der Stadt Zuflucht. Im östlichen Teil, der nun Zgorzelec hieß, wurden vertriebene Ost-Polen angesiedelt. Mehr als nur ein Fluß trennte Görlitz von Zgorzelec. Und Görlitz, einst an der ältesten Handelsstraße des Kontinents (der Via Regia) gelegen, geriet ins europäische Nirgendwo.

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