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Heiner Goebbels’ „Surrogate Cities Ruhr“ : Lustig dröhnt der Gesang der Städte

  • -Aktualisiert am

Achtung! Education! Drei der hundertdreißig Akteure aus „Surrogate Cities Ruhr“ Bild: dpa

Mit „Surrogate Cities Ruhr“ verabschiedet sich Heiner Goebbels von der Ruhrtriennale. Mathilde Monnier hat das bunte musikalische Stadt-Porträt choreographiert.

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          Hämmernde Klänge, prasselnde Patterns, rasende Streichertremoli und gefühlt fünfzig verschiedene Perkussionsinstrumente am Start: So geht das los. Ja, das wird ein gewaltiges Abschiedsfest!

          Heiner Goebbels feiert das Ende seiner Amtszeit als Leiter der Ruhrtriennale mit einem Stück von Goebbels - und das halbe Ruhrgebiet feiert mit. Das Orchester, durch Lautsprecher verstärkt, wirkt noch größer, als es ist. Die Klänge verdichten sich, sie wachsen und umzingeln das Publikum, in dem mindestens ebenso viele Kinder herumwuseln wie dann später auf der Bühne.

          Das komplette Ruhrgebiet in einer Industriehalle

          Insgesamt sind hundertdreißig Laienakteure aus der Region beteiligt an dieser choreographisch-szenischen Neuproduktion von „Surrogate Cities“ in der Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark. Neben kompletten Grundschulklassen machen auch gestandene Damen und Herren eines Gesellschaftstanzclubs aus Dortmund mit, aber auch Mitglieder einer Duisburger Kampfkunstschule.

          1994 uraufgeführt, ist der Zyklus „Surrogate Cities“, in dem Goebbels Texte von Paul Auster, Heiner Müller und Hugo Hamilton verarbeitet hat, einerseits das musikalische Porträt einer Stadt, andererseits geht es um eine Annäherung an deren Wirkung auf den Menschen. Die Choreographin Mathilde Monnier hatte das Stück vor sechs Jahren schon einmal in der Großstadt Berlin inszeniert, als „Education“-Projekt mit den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle. Diesmal erweiterte sie ihr Konzept auf eine ganze Städteregion und entwarf eine „Choreographie für das Ruhrgebiet“.

          In bunten T-Shirts treten Kinder auf, als die Musik vom Archaischen ins Zwielichtige übergeht, danach die übrigen Akteure in Alltagskleidung. Alle malen Kreidegewächse auf den dunklen Boden, die wuchern und sich verbinden, kein Fußbreit Boden wird frei gelassen. Zwei Zuschauertribünen schrumpfen die riesige Industriehalle der Kraftzentrale, so verwandelt sich die Arena, die sie umschließen, zu einer Dreihundertsechzig-Grad-Bühne. Im Mittelpunkt sitzen die Orchestermusiker, Bochums Symphoniker unter Leitung von Steven Sloane, auf einer kreisrunden Scheibe.

          Stilmedleys auf kreidebemaltem Parkett

          Die Choreographie nutzt das natürliche Bewegungsspektrum der Kinder. Daher wird, obgleich Goebbels abschnittsweise eine Suite mit elektronischen Samplerklängen schrieb, nicht im klassischen Sinne synchron zur Musik „getanzt“, vielmehr eine Mischung aus Springen, Kauern und Lauern zelebriert, immer wieder unterbrochen von Rudelrennen. Ein Knabe wandert mit einem kleinen Koffer quer durch die Halle, zwei andere werfen sich in coole James-Bond-Pose.

          Kein Fußbreit Boden bleibt von der Kreide verschont. Bilderstrecke
          Kein Fußbreit Boden bleibt von der Kreide verschont. :

          Oft genug gerät das kindliche Bewegungsrepertoire in einen produktiven Zwist zu den maschinellen Klängen, und die so monumental erscheinende Musik wirkt plötzlich kinderleicht, sie wird zu einer ganz persönlichen Begleitung, jeder Akteur findet seine eigene Ausdrucksmöglichkeit, seinen Lebensraum. Einige Performer legen sich auf weiße Papierbögen und lassen sich zeichnen. Dann werden die Entwürfe zusammengerollt und bilden einen Säulengarten.

          Die amerikanische Jazzsängerin Jocelyn B. Smith singt drei Songs über „Der Horatier“ von Heiner Müller, ihre grandiose Stimme reicht über mehrere Oktaven, vom Bluesraunen bis zum Soprangellen. Zum rezitierten Städtekampf zwischen Rom und Alba ringt die Duisburger Kampfsportgruppe.Während Smith die Jazzballade „Dwell where the dogs dwell“ singt, legen die Pärchen des Tanzsportclubs brav ihre gesitteten Stilmedleys aufs kreidebemalte Parkett.

          Applaus für ein lokales Gesamtkunstwerk

          Es ist ebendiese Mischung aus Professionalität und Unbeholfenheit, die etwas Berührendes hat, dazu kommen der Charme der sichtlich aufgeregten Akteure, ihr selbstbewusstes Sicheinlassen auf die ungewohnten Klänge. Und die „Cities“ von Goebbels tönen dazu im metallischen Fortissimo, die abschnittsweise durchaus plakativen Effekte treffen mit wirkungsvoller Direktheit aufs Ohr, die wandelbare, expressionistisch anmutende Klangwand, vermischt mit Blues- und Jazzanleihen, lässt keinerlei Spannungsabfall zu. Die Bochumer Symphoniker, zumal die Schlagwerker, bringen vollen Körpereinsatz, immerzu brummt und pfeift es im Hintergrund, ja Dauererregung, Lautstärke und Klangfülle grenzen zuweilen ans Reizüberflutende.

          Zu einem Tanz mit einer individuellen „Lebensentwurfs“-Plane tritt dann das Korsett der mechanischen Klänge plötzlich zurück, es tut sich ein Raum auf für Stille und Intimität. Dieser beinahe romantische Moment bleibt im Gedächtnis haften. Im Finale, „Surrogate“, einer rabiaten Orchestertremolosteigerung, unterlegt mit einem Klavier-Riff, hechelt, seufzt und schreit der Stimmkünstler David Moss eine Passage aus Hugo Hamiltons „Surrogate City“ -Roman, und die Bühnenakteure kehren in ihre Ausgangsstellung auf den bemalten Boden zurück, aus dem sie nun bunte Papierstreifen reißen.

          Letztlich illustriert Mathilde Monnier mit ihrer Choreographie mehr, als dass sie gestaltet oder wertet. Ihr Porträt einer Stadtgesellschaft wirkt nicht ruhrpottspezifisch, es wäre wohl im Prinzip übertragbar an jeden anderen Ort. So kommt es, das „Surrogate Cities Ruhr“ vor allem ein lokales Gesamtkunstwerk bleibt, freilich eines von großer Lebendigkeit und Präsenz. Dafür spendet das Premierenpublikum den zahllosen Akteuren langanhaltenden Applaus.

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