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God's Own Country : Das Buch Nephi

  • -Aktualisiert am

Wer den Wahlkampf um das US-Präsidententamt verstehen möchte, muss sich auf eine neue religiöse Textgrundlage einlassen. Sie ist in Europa weithin unbekannt, findet sich dafür zuweilen in amerikanischen Hotelzimmern neben der Bibel.

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          Im Schränkchen des Marriott-Hotels von Stamford, Connecticut, liegt neben der Bibel das „Buch Mormon. Ein weiterer Zeuge für Jesus Christus“. Eine so gute Gelegenheit, sich mit der drittstärksten Glaubensgemeinschaft der Vereinigten Staaten und einem der merkwürdigsten Zeugnisse religiöser Einbildungskraft zu beschäftigen, kommt nicht wieder. Die Familie Marriott gehört den „Heiligen der letzten Tage“ an. Dass Amerika Gottes auserwähltes Land sei, ist in den Vereinigten Staaten keine exzentrische Meinung; auf die eine oder andere Weise hängt man an der Idee von „God's own country“.

          Aber über die Konkretion, die der Gedanke bei den Mormonen findet, staunt der Europäer doch. Die Geschichte also beginnt um 600 vor Christus. Der hebräische Prophet Nephi wird verfolgt. Inmitten der Nachstellungen und Verderbnisse wird Nephi eine Vision zuteil: Gott gebietet ihm, ein Schiff zu bauen. Die Getreuen folgen ihm bei der Fahrt ins verheißene Land. Der Leser ahnt, wo es liegt; die beigegebene Illustration zeigt eine Art Pilgerväter-Mayflower mit Passagieren, die aussehen wie die Leute in „Ben Hur“.

          Was, wenn Mitt Romney Obama im Präsidentenamt folgt?

          Für die heilig-nautischen Hilfsmittel ist gesorgt, wie man anlässlich einer Meuterei hört: „Und es begab sich: Nachdem sie mich so fest gebunden hatten, dass ich mich nicht bewegen konnte, hörte der Kompass, den der Herr bereitet hatte, zu arbeiten auf“ (1. Nephi 18, 12) Prophezeiungen wissen auch, dass dieses neugefundene Land die Freiheit (liberty) achten und Könige so wenig wie „Priesterlist“ dulden wird. Eine Gruppe gottloser Rebellen erhält die furchtbare, aber gerechte Strafe: Ihre Haut wird schwarz. Christus kommt nach Amerika und feiert das Abendmahl noch einmal, und daran, dass das Neue Jerusalem in der Neuen Welt liegen wird, ist kein Zweifel mehr möglich; die Engel selbst verkünden es.

          Wiedergefunden wurden die auf Metallplatten gravierten Schriften 1823 von dem Propheten Joseph Smith, einem Freimaurer, der sie aus dem „reformierten Ägyptischen“ ins Englische übertrug. Nun ist es für die Alte Welt hohe Zeit, die heiligen Bücher Jakob, Enos, Jarom, Omni, Alma, Helaman, Ether, Mosia und natürlich Mormon zu studieren. Denn einer der republikanischen Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur bekennt sich zu diesen Lehren: Mitt Romney. Löste er tatsächlich Obama ab - wäre das nicht irgendwie logisch? Oder besser gesagt: providentiell?

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

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