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Glücksspiel : Sektion 8

Schleswig-Holstein gibt den Glücksspiel-Markt frei. In Wien geschieht das Gegenteil. Dort sollen bis zum Ende des Jahres 2014 alle einarmigen Banditen aus den Beisln verbannt werden. Doch ein Hintertürchen lässt man sich offen.

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          Kiel und Wien, da klaffen Kluften. Nicht nur geographisch, eher insgesamt. Der Schleswig-Holsteiner ist dünn besiedelt, beim Wiener geht es zwanzigmal enger zu, was Einwohner und Fläche undsoweiter angeht. Was im Süden Fluchtgedanken im Alltag schaffen mag, ist im Norden die geweitete Brust, wie das Land so der Kopf. Alles auf Durchzug, ein jeder seines Glückes Schmied. Deswegen hat Schleswig-Holstein dem deutschen Föderalismus gezeigt, dass auch ein Alleingang möglich ist und soeben den Glücksspiel-Markt freigegeben. Liberalisierung bei gleichzeitiger Beibehaltung des staatlichen Lotterie-Monopols. CDU und FDP sind stolz, die Opposition malt schon an der Großleinwand – Land der Deiche und der Zocker.

          Und jetzt kommt der Wiener und macht genau das Gegenteil. Dort soll mit Ende des Jahres 2014 das sogenannte kleine Glücksspiel aus den Beisln verbannt werden. Die einarmige Banditen müssen verschwinden. Das hat eine Unterorganisation des SPÖ-Bezirks Alsergrund auf dem Gewissen, die sich in bester Geheimdienst-Manier „Sektion 8“ nennt. Die jungen Leute – die Mitglieder gehören überwiegend den Jahrgängen 1975 bis 1990 an – begreifen sich als innerparteiliche Demokratiebewegung, die der alten Tante SPÖ im Stil einer Nichtregierungsorganisation wieder mehr Mitbestimmung einhauchen will. Und das, obwohl die SPÖ in Wien den Rathauschef stellt.

          Folgekosten höher als Einnahmen

          Für die Stadt und ihren roten Bürgermeister Häupl bedeutet der Beschluss einen Einnahmeverlust von gut 55 Millionen Euro pro Jahr. Das findet der Parteigrande gar nicht witzig. Aber ein Hintertürchen hat man sich naturgemäß aufgelassen: Statt eines sollen künftig drei Kasinos in der Stadt lizensiert werden, in jedem könnten bis zu fünfhundert Spielautomaten stehen. Nicht witzig, kontert die „Sektion 8“: Bei keinem Glücksspiel sei die Suchtgefahr so groß wie beim Automatenspiel, die gesellschaftlichen Folgekosten dementsprechend höher als die Einnahmen. Die jungen Wiener Aufmischer haben jetzt den Marsch durch die Institutionen angetreten – in einer Paralellaktion, die an Musils „Mann ohne Eigenschaften“ erinnert. Dort gibt es den berühmten Sektionschef Tuzzi, der als hoher Beamter im Außenministerium arbeitet. Tuzzis Österreich-Sinnspruch lautet: „Natürlich ist es komplizierter.“ Der Satz definiert die kürzeste Strecke zwischen Sektion und Sektionschef.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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