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Die Zukunft des Wohnzimmers : Glotzt du noch oder klickst du schon?

Voll fokussiert in den Sechziger Jahren: Im Mittelpunkt der Familie stand die Flimmerkiste. Bild: Picture-Alliance

Wenn der Fernseher, wie wir ihn kannten, verschwindet: Wie werden wir leben? Und in welche Himmelsrichtung schauen unsere Möbel?

          Normalerweise ist die Fernsehabteilung eines Elektronikmarktes einer der schlimmsten Orte der Welt: grell und laut und voll und eingehüllt in eine riesige Wolke aus Elektrosmog. Aber es war ein verkaufsoffener Sonntag, früh am Nachmittag, und es war kaum jemand da, also war der Mann vom Elektronikmarkt entspannt und fragte freundlich und geduldig: Wie groß soll er denn sein? Und was soll er können? Und am wichtigsten: Welche Farbe soll er haben?

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Lauter Fragen, die auch bei einem neuen Hund wichtig sein könnten, aber hier ging es um einen anderen Mitbewohner, der auch nur vors Sofa darf. Und weil Zeit war, erzählte der Mann viele interessante Dinge: Zum Beispiel, dass sie hier, im Elektronikmarkt mitten in der größten deutschen Stadt, zwar jede Menge riesige Fernseher anbieten würden, die Bewohner dieser Stadt aber für solche Riesenfernseher in ihren kleinen Wohnungen gar keinen Platz hätten. Und lieber kleinere Geräte wollten. Das Geschäft mit diesen kleineren Geräte sei aber für die Fernsehhersteller nicht so lukrativ: Man setze lieber auf die Entwicklung der Riesen, die deswegen viel mehr könnten (Internet!) als die kleinen. Und so standen dort im Elektronikmarkt gigantische Fernseher herum, die Phantasiesummen kosteten, und warteten auf Käufer, die es nicht gab, jedenfalls nicht hier.

          Abhängen bei Ikea: Im schwedischen Möbelmarkt gibt es heute weniger Fernsehbänke, dafür mehr Récamieren als noch vor einigen Jahren.

          Auf Partys lauten die zwei Standardsätze über das Fernsehen von heute: „Ich schaue nur noch Serien.“ Und: „Ich schaue sie auf dem Laptop, weil ich gar keinen Fernseher mehr habe.“ Nimmt man eine aktuelle Eigenwerbung wie die vom ZDF für seine Mediathek dazu, in der fröhliche Bundesrepublikaner beim Kochen, Kuscheln, Zähneputzen und Latte-Macchiato-Trinken direkt in die Kamera schauen, bis man kapiert, dass sie gar nicht in die Kamera, sondern auf den Stream ihres Geräts schauen: dann könnte man das tatsächlich für die Zukunft des Fernsehens halten. Also: Überall und jederzeit, auf dem Laptop, auf dem Tablet, auf dem Telefon, aber nicht mehr auf dem Fernseher. Denn natürlich hat der Koch aus dieser ZDF-Werbung nicht seinen Flachbildschirm in die Küche geschleppt, um dort beim Steakbraten Maybrit Illner zu gucken. Er guckt aufs Telefon.

          Aber sieht so wirklich die Zukunft aus? Und wie sehen die Wohnzimmer der Zukunft aus, wenn die Fernseher daraus verschwinden?

          „Unterhaltung konsumieren“ statt fernsehen

          Telefonat mit Ikea. Eine Sprecherin des Unternehmens bestätigt: Ja, wir verkaufen weniger Kommoden und Bänke für Fernseher als früher, wir führen auch deutlich weniger Modelle davon als noch vor zehn Jahren. Dafür seien Récamieren wichtiger geworden: also Möbel mit einer Rückenlehne und einer Liege für die Beine. Weil die sich gut fürs Fernsehen auf dem Laptop eignen, auch zu zweit. (Ikea hat auch Laptop-Halter für Schoß beziehungsweise Oberschenkel im Programm, die aussehen, als hätte man ein Frühstückstablett auf ein Kissen geklebt. Mit Henkel.)

          Im Biedermeier war der Bürger noch glotzenlos glücklich: Klassischer Salon mit an die Wand gerückten Bedarfsmobilien.

          Dass Fernseher aus den Wohnzimmern verschwinden, behauptet die Ikea-Sprecherin, könne man so aber nicht sagen. Vielmehr veränderten sich die Funktionen des Fernsehers. Und so redet die Sprecherin dann auch nicht davon, dass im Wohnzimmer ferngesehen, sondern „Unterhaltung konsumiert“ wird. Ein Fernseher von heute eigne sich ja zum Beispiel auch für eine Spielkonsole.

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