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Glosse Feuilleton : Literatur in Haft

  • -Aktualisiert am

Vorsicht, ansteckend: Toni Morrison zu lesen könnte zum Schreiben verleiten Bild: picture-alliance/ dpa

Ich lese, also schreibe ich? Damit die Häftlinge eines texanischen Gefängnisses nicht auf die Idee kommen, selbst zum Stift zu greifen, entzieht man ihnen den Lesestoff. So stand es in einem Brief an die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison.

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          Es wird einem ja heutzutage, vulgo: im Internetzeitalter, nichts mehr vorenthalten. Sollte man meinen. Und doch findet ständig Zensur statt, und zwar genau da, wo man es nicht vermutet: nämlich in Bibliotheken, Schulen – und bei Wal-Mart. Wenn nämlich die Einkäufer dort beschließen, ein Buch nicht zu führen, weil es Schilderungen zu erotischer, zu grausamer oder sonstwie dubioser Art enthält, kann das diesem Titel enormen Schaden zufügen. Gut, dass das mal auf den Stehtisch kommt! Eine willkommene Abwechslung im monotonen Branchengestöhne über rückläufige Buchverkäufe, herandräuende E-Books und krisengeschüttelte Verlage.

          Die Cocktailparty zum Thema Buchbann im Alltag fand soeben in New York statt, wo sich Toni Morrison, nach wie vor überraschende Literaturnobelpreisträgerin von 1993, mit ihrer guten Freundin, der gerühmt scharfzüngigen Fran Lebowitz, zugunsten der sonst unauffälligen National Coalition Against Censorship über Formen der Zensur austauschte. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass Toni Morrison soeben eine Anthologie mit dem Titel „Burn This Book“ mit Beiträgen von Rushdie, Pamuk, Updike und anderen herausgebracht hat, die gleich signiert in Umlauf gebracht wurde. Kenntnis dieser Sternstunde verdanken wir übrigens dem „New York Times“-Buchblog „Paper Cuts“, ebenso wie die Überlieferung der zentralen Szene der Veranstaltung.

          Schreiben verboten

          Toni Morrison, „hoheitsvoll dreinblickend“, erzählte „mit warmer, schwacher Stimme“ von einem Brief, den sie einmal vom texanischen Gefängniswesen erhielt. Man könne ihren Roman „Solomons Lied“ leider nicht an die Insassen aushändigen, weil er diese „ermutigen könne, selbst zu schreiben“. Nicht auszudenken, was für Bücher dabei herauskommen könnten: Der „Don Quijote“ von Cervantes, de Sades „120 Tage von Sodom“, Clelands „Memoiren der Fanny Hill“ oder die „Pisaner Cantos“ von Ezra Pound sind ja allesamt in diversen Knästen entstanden. Lauter scharfe Sachen voller Sex, Gewalt und Wahnsinn, die man auch bei Wal-Mart nicht im Sortiment haben wollen würde – selbst dann nicht, wenn sie ungeschrieben geblieben wären wie nun die zwangsweisen Nichtnachfolger von Toni Morrison und ihrem Bestseller „Solomons Lied“. Aber auch dieser hätte keine Chance auf einen Platz im Wal-Mart-Regal: Man denke, eine Familiensaga, die explizite Schilderungen physischer und psychischer Gewalt zu Sinnbildern großer Desillusion verdichtet! Die Dichterin wenigstens hat’s als Kompliment genommen, den Brief aus Texas rahmen lassen – und ins Badezimmer gehängt.

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