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Glosse : Langes Licht

  • -Aktualisiert am

Aus einem Ölfrüchte-Ablass wurde eine überteuerte Stromrechnung: Ein Schweizer Bauer bekommt von der Kirche über Jahrhunderte hinweg angefallene Gebühren zurück.

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          Wahrscheinlich hatte die Kirchgemeinde befürchtet, dass man ihr das Ewige Licht abschalten könnte. Jahrhundertelang wurde ihr das Öl vom Besitzer eines Grundstücks geliefert. Umsonst. Aber nicht freiwillig. Die Pflicht war Teil eines Handels mit der Familie von Konrad Müller aus Niederurnen im schweizerischen Kanton Glarus, der 1357 einen Mann namens Heinrich Stucki ermordet hatte. Um das Seelenheil seines Opfers zu garantieren, stiftete der Mörder der Kirche Mollis ein Ewiges Licht. Sollte die „ewig dauernde Verpflichtung“ nicht erfüllt werden, würde das Grundstück als Pfand für die Sühne an die Kirche gehen.

          Über die Jahrhunderte starben die Nussbäume, aus deren Früchten das Öl gepresst wurde. Stattdessen wurde die Elektrizität erfunden. Seit ein paar Jahrzehnten schickt die Kirche die Stromrechnung. Auf maximal siebzig Franken jährlich - rund sechzig Euro - ist sie angestiegen und wurde stets anstandslos beglichen. Anno domini 2010 wollte die Kirchgemeinde die Verpflichtung ins Grundbuch eintragen lassen. Es ging ihr dabei keineswegs um den schnöden Mammon, wie sie immer wieder beteuern muss. Sondern um die „Einhaltung einer jahrhundertealten Tradition“. Dagegen wehrte sich der gegenwärtige Eigentümer der Wiese, ein Bauer aus dem Nachbarkanton. In ihrem verzweifelten Kulturkampf um die Tradition blieb der Kirchgemeinde keine andere Waffe als der Gang vor das weltliche Gericht.

          Um zu verhindern, dass es „Sieger und Besiegte“ geben würde, wollte der Bischof von Chur vermitteln und sogar bezahlen - vergeblich. Die Richter unternahmen weitgehende historische Recherchen. Während der Reformation war die Verpflichtung von Mollis auf Näfels übertragen worden. Hier wird von der Kirche mit der streitbaren Gemeinde jedes Jahr der Sieg in der gleichnamigen Schlacht von 1388 als „Gottesurteil“ gefeiert. In seinem Urteil unterstreicht das Gericht durchaus die Bedeutung der Rechtssicherheit. Begründet wird es schließlich mit einer Landrechtsreform aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Die Kirche muss die Verfahrenskosten tragen und dem Bauern eine Entschädigung bezahlen, die Rechnung beläuft sich auf 9000 Franken. Auf einem Sparbuch hätten auch die historisch tiefen Zinsen dieses Kapitals auf alle Ewigkeit hinaus die Begleichung der Kosten gewährleistet; selbst für grüne Energien. Aber in der moralischen Gegenwart war der Kampf für die finanzielle Absicherung der Seelen im Voraus zum Scheitern verurteilt.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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