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Karen Krüger (kkr)

Glosse : Hümor

  • -Aktualisiert am

Fazil Say ist zurzeit der bekannteste türkische Musiker. Wenn es aber nach der Staatsanwaltschaft in Istanbul geht, dürfte seine Karriere demnächst zu Ende sein.

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          Wenn in der Türkei alle derzeit laufenden Verfahren gegen Kulturschaffende im Sinne der Anklage entschieden werden, ist dort bald Schluss mit Kunst und Literatur, und auch klassische Musik, die es mit der internationalen Konkurrenz aufnehmen kann, gehört dann der Vergangenheit an.

          Der einzige türkische Musiker, der nämlich derzeit in der Lage ist, nicht nur Leute in der Türkei, sondern auf der ganzen Welt mit seinem Spiel zu verzaubern, ist Fazil Say, 42 Jahre alt. Doch wenn alles so läuft, wie die türkische Staatsanwaltschaft sich das vorstellt, wird der Pianist und Komponist demnächst für 15 Monate ins Gefängnis gehen. Seine internationale Karriere könne er dann natürlich vergessen, sagte Say, kurz bevor in dieser Woche der Prozess gegen ihn vor einem Istanbuler Gericht eröffnet wurde.

          Darf man über Kopftücher Witze machen?

          Vorgeworfen wird Say nicht weniger als die „Störung des öffentlichen Friedens“ und die „öffentliche Erniedrigung religiöser Werte“, und wäre diese Angelegenheit nicht so schrecklich ernst und traurig, wie sie leider ist, müsste man eigentlich laut auflachen, wenn man hört, wie es zu der Anklage kam.

          Fazil Say macht gern Witze - vor Freunden, bei Auftritten, bei Facebook, über Twitter. Man kann darüber streiten, ob das immer lustig ist, und man muss es auch wirklich nicht komisch finden, wenn er sich zum Beispiel vor Publikum über die angebliche Unkultiviertheit kopftuchtragender Frauen amüsiert oder Leute verhöhnt, nur weil sie nicht seine klassischen Klavierkonzerte, sondern lieber Arabesk-Musik hören. Aber ihn deshalb vor Gericht bringen?

          Ein altes Gedicht als Stein des Anstoßes

          Drei Türken haben das jetzt getan. Sie haben Fazil Say angezeigt. Der Anlass ihrer Klage, der, so vermuten viele, in Wirklichkeit nur ein Vorwand ist, um den Pianisten einzuschüchtern, da dieser sich nie gescheut hat, die muslimisch-konservative Regierung von Tayyip Erdogan zu kritisieren, sind zwei Twitter-Nachrichten von April dieses Jahres.

          In der einen Nachricht leitete Fazil Say ein Gedicht des persischen Dichters Omar Khayyam (1048 bis 1131) weiter, in dem es heißt: „Du sagst, durch deine Bäche wird Wein fließen, ist das Paradies denn eine Schänke? Du sagst, du wirst jeden Gläubigen mit zwei Jungfrauen belohnen, ist das Paradies denn ein Bordell?“ Und ganz im Sinne des Gedichts twitterte Say wenig später über einen Muezzin, der den Aufruf zum Abendgebet in nur 22 Sekunden heruntergerattert hatte: „Warum so eilig? Eine Geliebte? Der Raki-Tisch?“

          Fazil Say hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr ihm alles Religiöse zuwider ist. Er ist ein glühender Kemalist. Das Gesetz, nach dem er jetzt angeklagt wird, stammt jedoch nicht aus der Feder der AKP-Regierung Erdogans. Es war schon im türkischen Gesetzbuch, bevor er die politische Bühne betrat.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

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