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Glosse Feuilleton : Und ewig glühen die Birnen

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Oben im Norden gefror der Strom in der Dose. Da liefen im Badischen die Zähler heiß. "Lichtkunst aus Kunstlicht" im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM), Abteilung Museum für Neue Kunst. Die größte, wahrscheinlich schönste ...

          Oben im Norden gefror der Strom in der Dose. Da liefen im Badischen die Zähler heiß. "Lichtkunst aus Kunstlicht" im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM), Abteilung Museum für Neue Kunst. Die größte, wahrscheinlich schönste und poetischste Ausstellung zu diesem Thema, vermutet Direktor Peter Weibel, "zumindest die mit dem größten Stromverbrauch". Soviel zum Elektronengefälle im Land. Die Ausstellung paßt ins ZKM wie die Glühbirne in die Fassung. Ein Wunder, daß sie hier, wo weiland Heinrich Klotz das elektronische Bauhaus ausrufen ließ, nicht schon längst stattgefunden hat. Schließlich bedient sich die Westkunst doch nicht erst seit Erfindung der Lumineszenzdiode aus dem Netz. Kaum waren die Gaslichter erloschen und die Dampfloks ausrangiert, die noch bei van Gogh, Monet oder Kandinsky durch die Landschaft qualmten, da begannen sich auch die Avantgarden zu elektrifizieren. Es wurde hell und immer heller im Museum, und kein anderer Raum ist so sehr zum Raum der Moderne geworden wie der alle Helligkeit reflektierende "White Cube".

          Das wäre eine schöne Ausstellung geworden, die der Erleuchtung der Kunst, ihrer wattstarken Aufklärung im zwanzigsten Jahrhundert nachgegangen wäre: angefangen vielleicht mit Duchamps "Großem Glas", wo noch alle Bewegung aus der Mechanik stammt, nur die seltsamen Reibungselemente ein eigentümliches Licht der Unvernunft ahnen lassen, über Picassos Schreckenskammer "Guernica" und die unverwüstliche Kohlenfadenbirne dort, bis hin zu den Leuchtstoffröhren des Dan Flavin, der nun nicht mehr wie die Maler das Licht aus der Farbe, der alle Farbe aus dem Licht gewann. Aber so viel traut sich die Karlsruher Ausstellung nicht zu, obschon sie sich nichts weniger vorgenommen hat als den "Sieg über die Sonne", den der Hausherr mit seiner Medienoper "Der künstliche Wille" (1984) auch nietzscheanisch feiert.

          Aus der Epoche vor der Künstlichwerdung des Willens ist nichts im Angebot. Die Ausstellung setzt mit den sechziger Jahren ein - als nur noch die Leitungen überirdisch oder unterirdisch waren und Leben ein anderes Wort für Wechselstrom wurde und die Kunst ein wenig alt erschienen wäre, wenn sie immer noch Kohlenfadenbirnen simuliert hätte. Seither leuchtet, schimmert, flimmert, flackert, strahlt, glimmt, glüht, glänzt, blinkt, funkelt, blitzt es in der Kunst. Und die Lichter, so scheint es, gehen nimmer aus. Selbst absolut technologieunverdächtige Maler wie Lucio Fontana haben ihre unendlichen Räume gelegentlich mit Kunstlicht erhellt. Und wenn es auch beim Experiment geblieben ist, so dürfen sie doch nicht fehlen bei der Karlsruher Parade.

          Darin ist die Ausstellung sehr erfolgreich im Aufspüren unbekannter, vergessener künstlerischer Stromanschlüsse. Ob die aufgefundenen Arbeiten typisch sind, repräsentativ für die Werke, spielt keine Rolle. Hauptsache, das Kabel ist intakt oder läßt sich noch reparieren. Tracey Emin, die verletzlich-verletzende Kunstmacherin, als Lichtkunstfrau? Georg Herold, der Weltmeister aller Spottklassen, als Heiliger im Kunstlichttempel? Es ist, als habe man mit der Suchmaschine die Kunstchronik abgefragt und zeige nun stolz das Ergebnis vor: zweihundertzweiunddreißig Belegstellen von Acconci, Vito bis Zwiener, Christof. Was aber weiß man, wenn man nun weiß, daß mindestens zweihundertzweiunddreißig Künstlerinnen und Künstler mit Hoch- oder Niederspannungen gearbeitet haben?

          Manches ist ja richtig rührend. Was mag der junge, diskoerfahrene Mensch denken, wenn er im pfleglich restaurierten "Ambiente stroboscopico" der Giovanni Anceschi und Davide Boriani steht? Und wie sonderbar ist einem zumute vor den Elektrobildern des Karl Gerstner aus den sechziger Jahren: Der Schalter klingt schon mürbe inwendig, und wenn man ihn doch drückt, dann leuchtet im dicken Rahmen ein gläsernes Bullauge, daß es aussieht wie in der Eisdiele damals. Natürlich gebricht es nicht am Versuch, den luminaren Lagerbeständen mit scharfen Kategorien beizukommen. "Neufunktionalismus", "Lichtambiente", "Logo-Kulturen". Allein - in der Ausstellung versagt jegliche Ordnungsanstrengung.

          Chaotischer, zielgenauer vor den eigenen Ansprüchen kapitulierend ist uns schon lange keine Ausstellung mehr vorgekommen. Die meist kinderreichen Familien schalten sich von einer Dunkelkammer in die andere. Und immer durch diese störrischen Plastiklamellen hindurch, die so seltsam riechen wie die Duschvorhänge im Hotel. Dort blendet was, und hier dimmt es nur, also schnell weiter. Dort ist ein Kunstgerät aus "konservatorischen Gründen" derzeit nicht in Betrieb, hier in der "Multi-Sense-Installation" der Helga Griffiths wird einem dringend empfohlen, nichts zu berühren. Schließlich handelt es sich bei den Strichen in den Glasschälchen um den Gen-Code der Künstlerin, der den Besuchern erlaube, "in die innerste Sphäre ihres Seins einzutreten". Was der Besucher aus grundsätzlichen ontologischen Erwägungen ablehnt.

          Ganz zu sich selbst kommt die dreistöckige Ausstellung erst beim klassischen Werk "Wind", das der Ausstellungsmacher Peter Weibel aus seinem Schaffensjahr 1975 selbst beisteuert. Vier Leuchtbuchstaben, die sich in semantisch verläßlicher Reihenfolge ein- und ausschalten. Kaum eine ZKM-Ausstellung ohne tätigen Beitrag aus dem Archiv des Direktors. Ob das als Sonderfall deutscher Museumspraxis schon gebührend gewürdigt ist? Wie wäre es denn, wenn in Berlin Muse-

          umschef Peter-Klaus Schuster seine frühen Linolschnitte ausstellen ließe?

          Wer in diesen Wochen nächtens durch die artifiziell illuminierten Städte fährt, hat möglicherweise intensiver Lichtkunst aus Kunstlicht erlebt und mehr vom Ionenzusammenhalt zwischen Poesie und Verschwendung verstanden als in dieser "größten, wahrscheinlich schönsten" und mit Sicherheit zählerheißesten Ausstellung. Hans-Joachim Müller

          Zentrum für Kunst und Medientechnolgie (ZKM), Karlsruhe, Museum für Neue Kunst, bis 1. Mai 2006. Das Katalogbuch wird bei Hatje Cantz erscheinen.

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